Autor:
Johann Wolfgang von Goethe (28. 8. 1749, Frankfurt/M. - 22. 3. 1832, Weimar)

Werke:
(Auszug aus) "Westöstlicher Divan", (Auszug aus) "Faust II", "Ganymed"

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994



Goethe stieß 1814 auf eine Lektüre, die ihn zum Schreiben inspirierte: eine Übersetzung von Gedichten des Hafis. Im Mittelpunkt von Goethes' "Westöstlichem Divan", der 1819 erschien, steht natürlich die Liebe zu einer Frau; doch fehlt auch Hafis' großes Thema nicht, die Liebe zum Schenken freilich, wie es Goethes Einstellung zu homoerotischen Beziehungen entsprach, ins Platonisch-Pädagogische zurückgenommen. Dagegen zeigt Mephistopheles im zweiten Teil von "Faust" [vollendet 1831] an gewissen Stellen eine vulgäre Begierde für liebliche Knaben. Eine andere, man könnte sagen "ursprüngliche", Facette der Homoerotik wird im dem Gedicht "Ganymed" offenbart: Goethe erinnert sich hier an jene Liebe, die er einst als Junge für seinen Vater empfunden hatte.



Aus: Westöstlicher Divan

DEM KELLNER

Setze mir nicht, du Grobian,
Mir den Krug so derb vor die Nase!
Wer mir Wein bringt sehe mich freundlich an,
Sonst trübt sich der Eilfer im Glase.



DEM SCHENKEN

Du zierlicher Knabe, du komm herein,
Was stehst du denn da auf der Schwelle?
Du sollst mir künftig der Schenke sein,
Jeder Wein ist schmackhaft und helle.



SCHENKE SPRICHT

Du, mit deinen braunen Locken,
Geh' mir weg, verschmitzte Dirne!
Schenk' ich meinen Herrn zu Danke,
Nun so küßt er mir die Stirne.

Aber du, ich wollte wetten,
Bist mir nicht damit zufrieden,
Deine Wangen, deine Brüste
Werden meinen Freund ermüden.

Glaubst du wohl mich zu betrügen
Daß du jetzt verschämt entweichest?
Auf der Schwelle will ich liegen
Und erwachen wenn du schleichest.



SCHENKE

Welch ein Zustand, Herr, so späte
Schleichst du heut aus deiner Kammer;
Perser nennen's Bidamag buden,
Deutsche sagen Katzenjammer.



DICHTER

Laß mich jetzt, geliebter Knabe,
Mir will nicht die Welt gefallen,
Nicht der Schein, der Duft der Rose,
Nicht der Sang der Nachtigallen.



SCHENKE

Eben das will ich behandeln,
Und ich denk', es soll mir klecken,
Hier! Genieß die frischen Mandeln
Und der Wein wird wieder schmecken.

Dann will ich auf der Terrasse
Dich mit frischen Lüften tränken,
Wenn ich dich in's Auge fasse
Gibst du einen Kuß dem Schenken

Schau! die Welt ist keine Höhle,
Immer reich an Brut und Nestern,
Rosenduft und Rosenöle!
Bulbul auch, sie singt wie gestern.



SCHENKE

Heute hast du gut gegessen,
Doch du hast noch mehr getrunken;
Was du bei dem Mahl vergessen
Ist in diesen Napf gesunken.

Sieh, das nennen wir ein Schwänchen
Wie's dem satten Gast gelüstet,
Dieses bring' ich meinem Schwane,
Der sich auf den Wellen brüstet.

Doch vom Singschwan will man wissen
Daß er sich zu Grabe läutet;
Laß mich jedes Lied vermissen,
Wenn es auf dein Ende deutet.



SCHENKE

Nennen dich den großen Dichter,
Wenn dich auf dem Markte zeigest;
Gerne hör' ich wenn du singest
Und ich horche wenn du schweigest.

Doch ich liebe dich noch lieber,
Wenn du küssest zum Erinnern;
Denn die Worte gehen vorüber
Und der Kuß der bleibt im Innern.

Reim auf Reim will was bedeuten,
Besser ist es, viel zu denken.
Singe du den andern Leuten
Und verstumme mit dem Schenken.



DICHTER

Niedergangen ist die Sonne,
Doch im Westen glänzt es immer;
Wissen möcht' ich wohl, wie lange
Dauert noch der goldne Schimmer?



SCHENKE

Willst du, Herr, so will ich bleiben,
Warten außer diesen Zelten;
Ist die Nacht des Schimmers Herrin,
Komm' ich gleich, es dir zu melden.

Denn ich weiß, du liebst, das Droben,
Das Unendliche zu schauen
Wenn sie sich einander loben,
jene Feuer in dem Blauen.

Und das hellste will nur sagen:
jetzo glänz' ich meiner Stelle;
Wollte Gott euch mehr betagen,
Glänztet ihr wie ich so helle.

Denn vor Gott ist alles herrlich,
Eben weil er ist der Beste;
Und so schläft nun aller Vogel
In dem groß- und kleinen Neste.

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Ästen der Zypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt,
Bis zu Taues luft'ger Nässe.

Solches hast du mich gelehret,
Oder etwas auch dergleichen;
Was ich je dir abgehöret,
Wird dem Herzen nicht entweichen.

Eule will ich deinetwegen
Kauzen hier auf der Terrasse,
Bis ich erst des Nordgestirnes
Zwillingswendung wohl erpasse.

Und da wird es Mitternacht sein,
Wo du oft zu früh ermunterst,
Und dann wird es eine Pracht sein,
Wenn das All mit mir bewunderst.



DICHTER

Zwar in diesem Duft und Garten
Tönet Bulbul ganze Nächte;
Doch du könntest lange warten,
Bis die Nacht so viel vermöchte.

Denn in dieser Zeit der Flora,
Wie das Griechenvolk sie nennet,
Die Strohwitwe, die Aurora,
Ist in Hesperus entbrennet.

Sieh dich um! sie kommt! wie schnelle!
Über Blumenfelds Gelänge! -
Hüben hell und drüben helle,
Ja, die Nacht kommt ins Gedränge.

Und auf roten leichten Sohlen
Ihn, der mit der Sonn' entlaufen,
Eilt sie irrig einzuholen;
Fühlst du nicht ein Liebeschnaufen?

Geh nur, lieblichster der Söhne,
Tief ins Innre, schließ die Türen;
Denn sie möchte deine Schöne
Als den Hesperus entführen.



SCHENKE

So hab' ich endlich von dir erharrt:
In allen Elementen Gottes Gegenwart.
Wie du mir das so lieblich gibst!
Am lieblichsten aber, daß du liebst!



HATEM

Der schläft recht süß und hat ein Recht zu schlafen.
Du guter Knabel hast mir eingeschenkt,
Vom Freund und Lehrer, ohne Zwang und Strafen,
So jung vernommen, wie der Alte denkt.
Nun aber kommt Gesundheit holder Fülle
Dir in die Glieder, daß du dich erneust.
Ich trinke noch, bin aber stille, stille,
Damit du mich erwachend nicht erfreust.




Aus: Faust II

Mephistopheles:
Ich mag sie gerne sehn, die allerliebsten Jungen;
Was hält mich ab, daß ich nicht fluchen darf? -
Und wenn ich mich betören lasse,
Wer heißt denn künftighin der Tor? -
Die Wetterbuben, die ich hasse,
Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor! -

Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen:
Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht?
Ihr seid so hübsch: führwahr, ich möcht euch küssen!
Mir ist's, als kämt ihr eben recht.
Es ist mir so behaglich, so natürlich,
Als hätt ich euch schon tausendmal gesehn,
So heimlich-kätzchenhaft begierlich:
Mit jedem Blick aufs neue schöner schön!
O nähert euch, o gönnt mir Einen Blick!



Engel:
Wir kommen schon, warum weichst du zurück?
Wir nähern uns, und wenn du kannst, so bleib.
(die Engel nehmen umherziehend den ganzen Raum ein)



Mephistopheles (der ins Proszenium gedrängt wird):
Ihr scheltet uns verdammte Geister
Und seid die wahren Hexenmeister;
Denn ihr verführet Mann und Weib. -
Welch ein verfluchtes Abenteuer!
Ist dies ein Liebeselement?

Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
Ein bißchen weltlicher bewegt die holden Glieder;
Fürwahr, der Ernst steht euch recht schön,
Doch möchte ich euch nur einmal lächeln sehn;
Das wäre mir ein ewiges Entzücken.
Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken,
Ein kleiner Zug am Mund, so ist's getan.
Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden,
So sieh mich doch ein wenig lüstern an!
Auch könntet ihr anständig-nackter gehen:
Das lange Faltenhemd ist übersittlich!
Sie wenden sich - von hinten anzusehen! -
Die Racker sind doch gar zu appetitlich!




Ganymed

Wie im Morgenrot
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!

Daß ich dich fassen möcht'
In diesen Arm!
Ach, an deinem Busen
Lieg' ich, schmachte,
Und deine Blumen,
dein Gras
Drängen sich an mein Herz,
Du kühlst den brennenden
Durst meines Busens,
Lieblicher Morgenwind,
Ruf drein die Nachtigall
Liebend nach mir aus dem Nebeltal.

Ich komme! Ich komme!
Wohin? Ach, wohin?

Hinauf, hinauf strebt's,
Es schweben die Wolken
Abwärts, die Wolken
Neigen sich der sehnenden Liebe,
Mir, mir!
In eurem Schosse
Aufwärts,
Umfangend umfangend!
Aufwärts
An deinem Busen,
Alliebender Vater!

 

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