Autor:
Anakreon (ca. 580 v.Chr., Theos/Ionien - 495 v. Chr.)
Werke:
"Das Bild des Bathyllos", "An eine Schwalbe"
Übersetzung:
J. Fr. Degen und Eduard Mörike, Stuttgart 1864
Quelle:
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994
Als Anakreon gefragt wurde, warum seine Gedichte immer Knaben, und nicht
Göttern gewidmet seien, antwortete er: "Weil sie unsere Götter sind".
Anakreon wurde in Theos geboren, verbrachte aber einen Teil seines Lebens
auf Samos beim Tyrannen Polykrates und dann in Athen am Hofe von Hipparchos,
dem Sohn des Peisistratos. Er war ein Dichter, ein Freund des Vergnügens,
des Weines und schöner Epheben. Wenn er die Anmut junger Schauspieler
oder Musiker wie Smerdis, Megister oder Bathyllos besang, so tat er dies
nicht immer aus eigenem Antrieb, sondern auf Verlangen seines Herrn
Polykrates: diese Sinekure brachte manchmal auch Schwierigkeiten mit
sich. Der junge Smerdis nahm die Liebesbeteuerungen Anakreons ernst
und verliebte sich so sehr in den Dichter, daß er von da an die
Annäherungsversuche des Polykrates zurückwies. Rasend vor Eifersucht,
ließ der Tyrann dem Smerdis die Haare abschneiden, um ihn zu beschämen,
denn eine prächtige Haartracht war die größte Zierde eines Epheben.
Anakreon gab vor zu glauben, Smerdis hätte sich die Haare freiwillig
schneiden lassen, und machte ihm deswegen Vorwürfe.
Anakreon war auch ein Freund des wohlhabenden Kritias und des Xanthippos,
des Vaters von Perikles. Gefeiert und verhätschelt von allen, ein ständiger
Gast bei den Festmahlen der besten Familien, erreichte Anakreon ein hohes
Alter. Von den Liedern und Gedichten, die uns erhalten geblieben sind,
können nur wenige mit Sicherheit ihm zugeschrieben werden. Die Anakreontiker,
seine späteren Nachahmer, erreichten ihr Vorbild nicht, nehmen aber dennoch
einen wesentlichen Rang innerhalb der europäischen Dichtung ein,
z. B. Ronsard, Hagedorn, Uz, Gleim, Götz, Jacobi, auch Lessing und
der frühe Goethe.
Das Bild des Bathyllos
Male den Bathyll mir also,
Meinen Liebling, wie ich sage.
Salbenglanz gib seinen Haaren,
Dunkelschattend nach dem Grunde,
Außen aber Sonnenschimmer.
Kunstlos nur gebunden, laß sie,
Wie sie eben wollen, selber
Sich in freie Locken legen;
Und den zarten Schmelz der Stirne
Schmücken dunkle Augenbrauen,
Dunkler als des Drachen Farbe.
Trotzig sei sein schwarzes Auge,
Doch von fern ein Lächeln zeigend;
Jenes nimm von Ares, dieses
Von der lieblichen Kythere:
Daß man, bange vor dem einen,
Bei dem andern hoffen könne.
Male seine Rosenwange
Mit dem zarten Flaum der Quitte;
Und sieh zu, daß sie das edle
Rot der Scheu erkennen lasse.
Seine Lippen - weil ich denn auch
Selbst, wie au mir diese malest?
Weich, von Überredung schwellend.
Wisse kurz: Das Bild, es müsse
Redsam selber sein im Schweigen!
Unterm Kinn, da schließe zierlich,
Wie ihn nicht Adonis hatte,
Elfenbeinern sich der Hals an.
Gib ihm Brust und beide Hände
Von der Maia schönem Sohne,
Leih ihm Polydeukes Schenkel,
Bauch und Hüften ihm von Bakchos.
Dann, ob jenen weichen Schenkeln,
Jenen feuervollen, gib ihm
Eine glatte Scham, die eben
Aphrodites Freuden ahne.
- Aber deine Kunst, wie neidisch!
Kannst du ihn doch nicht vom Rücken
Zeigen! Herrlich, wenn du's könntest!
- Soll ich erst die Füße schildern?
Nimm den Preis, den du verlangest,
Und gib diesen Phöbus auf, mir
Den Bathyll daraus zu bilden.
Wirst du einst nach Samos kommen,
Male nach Bathyll den Phöbus.
An eine Schwalbe
Wie soll ich dich bestrafen?
Wie, plauderhafte Schwalbe?
Bei deinen schnellen Schwingen
Dich fassen und sie stutzen?
Sag, oder soll ich etwa,
Wie vormals jener Tereus,
Die Zunge dir entreißen?
Was! aus so süßem Traume
Mit deinem frühen Zwitschern
Mir den Bathyll zu rauben!
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