Autor:
Théophile de Viau (Frühjahr 1590, Clairac - 25. 9. 1626, Paris)

Werke:
"Théophile de Viaus Klage an einen seiner Freunde während dessen Abwesenheit", "Sonett des Herrn Théophile"

Übersetzung:
Doris Plattner und Michael Lim, Köln 1994

Quelle:
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994



Das Gedicht "Plainte de Théophile à son ami Tircis" (oder auch "Plainte á un sien ami pendant son abscence") wurde unter Théophiles Papieren gefunden, als er im Juni 1623 verhaftet wurde, und dem Gericht übergeben. Eigenartigerweise wurden kurze Zeit später, Ende September oder Anfang Oktober, in Paris gedruckte Exemplare des Gedichts zum Verkauf angeboten. Tircis, an den die kompromittierenden Verse gerichtet waren, hütete sich, seine Identität zu enthüllen, aber es existiert eine Antwort von Tircis auf die Klage des gefangenen Théophile. In dieser "Antwort" - die Frederic Lacheve unserer Meinung nach ohne rechten Grund Des Barreaux zuschreibt - wird Théophile vorgeworfen, er schreibe Verse, anstatt zu bereuen und zu beten, und der anonyme Autor fügt hinzu, er habe seit langem die verderbliche Gesellschaft des Dichters gemieden und könne deswegen "an den widerlichen Belustigungen, die Théophile mit der gleichen Unverschämtheit rühmte, mit der er die große Stadt Rom ungerechterweise beschuldigte, sie zu dulden", gar nicht beteiligt sein. Tatsächlich steht in der "Plainte" ein Hinweis auf die "unschuldigen Vergnügen, die man in Rom nicht bestrafte". In den Augen von Pater Garasse, Théophiles Hauptankläger, konnte es sich nur um ein "widernatürliches Laster" handeln, eine Ansicht, der sich das Gericht glücklicherweise nicht anschloß. Es legte Théophile jedoch zur Last, daß er mehr oder weniger deutlich zu verstehen gab, in Rom sei Unzucht toleriert worden. Seine Gedichte hingegen, insbesondere das Sonett "Phyllis, tout est foutu", wurden von den Jesuiten in geschickter Weise gegen ihn ausgenutzt und brachten ihn beinahe auf den Scheiterhaufen.



Théophile de Viaus Klage an einen seiner Freunde während dessen Abwesenheit

Tircis, du kennst sehr wohl das Unglück, das mich bedrückt,
Daß ein wenig Undankbarkeit in deiner Gleichgültigkeit steckt;
Gerade neben meinem Kohlenbecken seh' ich dich schlummern.
Und seine Flamme und sein Lärm sollten dich wecken.

Du weißt, es ist wahr, mein Prozeß geht zu Ende,
Bald wird mein Bildnis auf der Grève verbrennen;
Meine Freunde haben sich schon vergeblich bemüht,
den Schrecken dieses gräßlichen Gerüchts aus der Welt zu schaffen.

Wenn mein übles Schicksal der heiligen Freundschaft,
Die du mir schworst, ein Ende gesetzt hat,
Als ob sie dem Gang alles Menschlichen folgte,
Und du mich straucheln siehst, ohne mir die Hand zu reichen,

Tu wenigstens so, als ob du ein bißchen Schmerz verspürtest,
Angesichts des Abgrundes, in den mich das Schicksal zieht,
Damit kein unangenehmes Gerücht entsteht, das mich beschuldigt,
Denjenigen, den ich liebte, so schlecht gekannt zu haben.

Wenn auch nur der schwächste Strahl von Tugend dich erhellt,
Erinnere dich: man hat dich gesehen im Bemühen, mir zu gefallen,
Und vor jener Schmach, von der du mich gezeichnet siehst,
Bildetest du dir noch etwas darauf ein, zu meinen Freunden zu zählen.

Sieh, wie dein Herz gleichgültig wird und mich verläßt,
Bei der ersten Bewährungsprobe, meinem Unglück,
Und du wirst erkennen, daß mein Schicksal nur wegen
Des Verrates, den man meiner Unschuld angetan hat, heute so hart ist.

Wenn mein Zustand sich bessert,
Und der König mir einen sicheren Zufluchtsort gewährt,
Damit ich in Frankreich einen kleinen Winkel finde,
Wo meine Verfolger mich entfernt genug glauben,

Im süßen Gedanken, den Leiden entflohen zu sein,
Mit welch fröhlichem Tun werde ich meine Ader nähren!
Dann wirst du beschämt sein, daß in meiner Not
Ich so oft dich vergeblich anflehte,

Daß du den Lauf eines Schicksals verlassen hast,
Das du mit mir hättest teilen müssen.
Forsche nach in deinem Verlangen, das schon so abgekühlt ist,
Ob du heute mir bist, was du früher mal warst.

Ich hätte dich einst über die Pyrenäen geführt,
Ich hätte deine Tage mit meinen Jahren verbunden,
Und im Lauf meines Schicksals deine Pläne geleitet,
Von den Ufern des Abends bis zur Flut des Morgens.

Und ich habe nichts getan, nicht einmal in meinem Übermut,
Was dich hätte zwingen können, dich von mir abzuwenden;
Seither habe ich nichts getan, und ich schwöre es bei den Göttern,
Als dich zu lieben, O Tircis, jeden Tag ein bißchen mehr.




Sonett des Herrn Théophile

Philis, alles ist hin! Ich sterbe an der Syphilis,
Sie übt auf mich ihre äußerste Härte aus:
Mein Penis läßt den Kopf hängen und hat keine Kraft mehr,
Ein stinkendes Geschwulst hat mir die Sprache verschlagen.

Ich habe dreißig Tage geschwitzt, ich habe ob dem Kleister gekotzt;
Niemals dauerten so schwere Leiden so lange,
Der beständigste Geist würde bei meiner Schwächung erliegen,
Und in meiner Krankheit habe ich keinen Trost.

Meine intimsten Freunde wagen nicht mehr, sich mir zu nähern,
Ich selbst wage in diesem Zustand nicht, mich zu berühren.
Philis, dieses Leiden habe ich, weil ich mit Euch geschlafen habe!

Mein Gott, ich bereue es, so ruchlos gelebt zu haben,
Und wenn Euer Zorn ob dieser Aussage mich nicht tötet,
So gelobe ich, es von nun an nur mit Hintern zu treiben.


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