Autor
Theokrit (ca. 310 v. Chr., Syrakus/Sizilien - 250 v. Chr., Griechenland)

Werke
"An den Geliebten" (A u. B), "Die Rache des Eros"

Übersetzung
Harry C. Schnur, Reutlingen 1975

Quelle
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994



Der hellenistische Dichter Theokrit wurde in Syrakus geboren und lebte von 275 - 270 v. Chr. am Hofe des Ptolemaios Philadelphos. Später ließ er sich in Kos nieder, der ursprünglichen Heimat seiner Familie, und schrieb dort seine Bukolische Idyllen nach der Art der Lieder, wie sie von Hirten an den Dichterwettkämpfen in Sizilien gesungen wurden; oft ließ er sich auch von Volkssagen inspirieren. Mit düsteren und makaberen Gedichten zur Knabenliebe schildert er, monologisch oder gar szenisch ausgesponnen, die Krise einer Verstörung durch Liebesverlust.



An den Geliebten (A)

"Wein", holder Knab', ist "Wahrheit", sagt ein Dichterwort:
auch uns obliegt's im Rausche wahr zu sprechen.
So sag ich dir, was tief im Sinn mir liegt:
daß du mich von ganzem Herzen liebst!
Ich weiß es; mir gehört mein halbes Leben nur
und nur, weil ich dich seh, wie schön du bist,
der Rest verging.

In Seligkeit verbring ich,
wenn du es willst, den Tag, - wenn nicht, ist's Düsternis,
Ist dies wohl recht, ihn, der dich liebt, zu quälen?
Doch folge mir, der ich der ältre bin,
dir soll es frommen und du wirst mich preisen:
in einem Baume baue dir ein Nest,
das wildes Kriechtier nicht beschleichen kann;
doch heut auf diesem Ast, auf jenem morgen
bist du behaust und wechselst stets aufs neu
Und wenn dein schönes Antlitz einer sieht und preist,
wirst du sein Freund als währte es drei Jahre schon;
doch der zuerst dich liebte, wird Dreitagefreund.
Wenn du jedoch so handelst wie ich dich belehrt',
so spricht von dir man Gutes in der Stadt
und Eros wird nicht Unglimpf an dir tun,
der leicht der Männer Sinne zähmt und mich,
der eisern war zuvor, zum Schwächling machte
Bei deinen zarten Lippen bitt ich dich: Bedenk,
daß jünger noch im vorigen Jahr du warst
und wir vergreisen und verrunzeln, ehe man
noch ausgespien, und ohne Wiederkehr
entflieht die Jugend: Trägt sie Flügel doch
und Fliegendes Zu fangen sind zu langsam wir.
Dies überdenkend wirst du zugeneigter mir,
und wiederlieben den, der ohne Arg dich liebt,
daß, wenn dir einst der Mannheit Flaum die Wange deckt,
wir wie Achilleus und sein Freund einander
sind zugetan.




An den Geliebten (B)

Ach, welch Unheil verheißt, welche Beschwer, doch diese Krankheit mir!
Vor zwei Monden befiel fieberhaft mich Liebe zum Knaben schon;
zwar nicht überaus schön, ist von Gestalt gänzlich er reizend doch,
und die Wangen umspielt Lächeln ihm süß. Ach, mich bedrückt die Pein
manche Tage bis jetzt, manchesmal auch lässet sie nach, doch bald
wird sie gönnen mir nicht Ruhe noch Schlaf, denn als ich gestern ihn
sah, da blickt' er mich an, flüchtig und scheu, unter dem Lide nur;
war zu schüchtern, ins Aug grad mir zu sehn, und er errötete.
Es umkrampfte mir da Eros das Herz mächtiger noch, und als
heim ich ging, war aufs Neu tief in der Brust Wunde mir schwer entbrannt.
Da rief an ich mein Herz: Zwiesprache hielt lange ich dann mit ihm:
"Was tust wieder du mir Törichtes an? Wann wird ein Ende sein?
Ist bewußt es dir nicht, daß dir das Haar weiß um die Schläfen wächst?
Jetzt verständig zu sein ist an der Zeit: jung siehst du nicht mehr aus:
handle nicht so wie der, welcher zuerst kostet die Jugendzeit
Dies vergaßest du auch: ziemlicher ist's reiferem Mann, daß er
sich der Liebe enthält - Kummer bringt sie - die ihn zum Knaben zieht.
Denn das Leben eilt dem flüchtigen Hufs wie die Gazelle hin
und zu anderem Kurs morgen darauf wendet das Segel er,
und an Alter ihm gleich teilen mit ihm Junge der Jugend Reiz.
Doch dem Liebenden nagt tief bis ins Mark Pein der Erinnerung;
denn voll sehnenden Traums ist ihm die Nacht, und es genügt ihm nicht
wenn ein Jahr auch vergeht - quälendes Leid endet auch dann noch nicht".
Solche Klage und mehr noch von der Art warf meinem Herz ich vor;
da sprach's: Wer sich vermißt, daß er besieg Eros den Tückischen.
fänd auch leicht wohl heraus, wieviel Mal neun Sterne am Himmel stehn.
Jetzt nun, ob ich es will oder auch nicht, strecke den Hals ich aus
unters Joch, denn es will dieses der Gott, welcher besiegt, o Freund,
den erhabenen Sinn selber des Zeus und auch der kyprischen
Göttin; mich aber hebt leicht wie ein Blatt, das für den Tag nur lebt,
dieser auf und verweht leichtesten Hauchs schnell in die Weite mich".




Die Rache des Eros

Für einen grausamen Knaben entbrannte ein Mann einst in Liebe:
jener war schön von Gestalt, doch war er im Wesen ihr ungleich;
denn er haßte den Freund und kannte nicht zarte Gefühle, ...
Nein, wie im Walde ein wildes Tier scheel anblickt den Jäger,
so sah er jeglichen Liebenden an. Die Lippe war grausam,
und erbarmungslos wie das Schicksal starrten die Augen,
Bitterer Trotz verzerrte sein Antlitz, ja, seine Farbe
wechselte er vor Zorn, und doch - schön blieb er bei allem,
und trotz all seinem Groll entbrannte stärker der Freund noch.
Endlich konnt er nicht mehr Kythereias Lohe ertragen,
sondern kam und weinte vor jenes Grausamen Hause,
ja, er küßte den Pfosten des Tores und laut sprach er dieses:
"Harter und grausamer Knabe, den wilde Löwin wohl nährte,
steinernen Herzens du Knabe, unwürdig der Liebe: als letzte
Gabe bring ich dir dar diesen Strick: nicht länger soll lästig,
Knabe, mein Anblick dir sein: ich will den Weg jetzt betreten,
den zu gehen du mich verdammst! Dorthin, wo das Leiden
Liebender Heilung findet, wie's heißt - Vergessen der Lethe.
Führt ich jedoch an die Lippen das Wasser und leerte es gänzlich,
dann auch löschte mein Sehnen ich nicht. Nun sag Lebewohl ich
hier deiner Türe auf ewig: des Kommenden bin ich ja kundig.
Schön ist auch die Rose, doch bringt die Zeit sie zum Welken,
schön ist auch das Veilchen im Lenz, doch bald muß es altern;
[weiß ist die Lilie auch, doch welket, sobald sie erblühte;
weiß ist der Schnee, doch er schmilzt, sobald er eben gefallen]
auch der Knaben Blüte ist schön, doch kurz nur von Dauer.
Kommen wird einst die Zeit, da auch du in Liebe entflammest,
dann aber, brennenden Herzens, wirst bittere Tränen du weinen.
Du aber, Knabe, erweise - das Letzte ist's ja - die Gunst mir:
Wenn beim Herauskommen du mich Armen hängend am Tore
siehst, so geh nicht vorbei: bleib stehen und weine ein wenig.
weihe mir Gabe der Tränen, nimm ab mich vom Strick, und umhülle
mit den Kleidern mich, die deinen Körper bedecken;
küsse mich dann zuletzt: dem Toten wenigstens biete
gnädig die Lippen dar. Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten,
kann dich greifen ja nicht: so wird dein Kuß mich versöhnen.
Höhle mir aus auch ein Grab, drin meine Liebe zu bergen,
und ruf dreimal, ehe du gehst: "Freund, ruhe in Frieden!"
und, wenn du willst, auch dies: "Ich verlor einen guten Gefährten".
Schreibe mir auch den Spruch, den hier in die Wand ich dir ritze:
"Liebe hat diesen getötet: nicht gehe, Wandrer, vorüber,
sondern bleib stehen und sprich: Hart war der Freund, den er liebte."

Sprach' s, und schleppt' einen Stein, verfallener Mauer entrissen,
schrecklichen Stein, zur Mitte des Tors, bestieg ihn, und knüpfte
an den Pfosten den Strick, umgab den Hals mit der Schlinge,
stieß mit den Füßen hinweg den Stein, und hing in der Schlinge
tot. Doch der Knabe tat offen das Tor, und sah, wie die Leiche
ihm im Torwege hing. Doch rührt ihm dies nicht an die Seele,
noch auch beweint' er den Mann, der gerade den Tod sich gegeben,
sondern befleckte sein Jünglingsgewand, anstreifend die Leiche,
ging dann ruhig zur Ringschule hin und zum Bad, das er liebte;
kam zum Gott , den er frevelnd entehrt, und sprang von dem Sockel
in das Wasser hinein. Da stürzte rücklings das Standbild
auf ihn nieder: so ward der grausame Jüngling erschlagen.
Mit seinem Blute gefärbt war das Wasser drob schwebt' seine Stimme:
"Freuet euch, die ihr liebt, denn er, der haßt, ward erschlagen!
Hasser, zeiget euch liebreich, denn strenger Richter ist Eros."


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