Autor:
Straton von Sardes (2. Jahrhundert n. Chr.)
Werke:
"Literarisches Motto", "Jugend", "Der sexuelle Unterschied", "Vorspiel",
"Natürlichkeit", "Küssen", "Dreier", "Blumenladen", "Menedemos",
"Das Urteil des Paris", "Die dunklen Augen", "Zusammenleben", "Liebesideale"
Übersetzung:
Joachim Campe, Frankfurt/M 1994.: Liter. M./ Jugend/ Der sex. Untersch./ Vorspiel
Hermann Beckby, München 1958: Natürlichkeit/ Küssen/ Dreier/ Blumenl./
Menedemos/ Das Urteil des Paris Die d. Augen/ Zusammenl./ Liebesideale/
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994
Straton wurde um das Jahr 100 n. Chr. in der kleinasiatischen Stadt
Sardes geboren - mehr weiß man nicht. Seine Epigramme wollen keine
Bekenntnisse sein: Vielmehr exakte Beschreibungen aller Aspekte der
Knabenliebe, von sexuellen Details bis zur Frage des Zusammenlebens.
Wer nüchtern sehen lernt wie er, wird nie mehr ein Problem mit Knaben
haben, deutet Straton an. Und, darf man ergänzen, seine Seelenruhe
finden: dieses höchste Gut spätantiker Philosophie.
Literarisches Motto
Hört einer später mal meine leichten Gedichte, dann denkt er
Sicher, daß mein Problem Liebe gewesen sei.
Nein. Ich schreibe nur für die andern, die immer verliebt sind
In einen Knaben, denn so gab es ein Gott mir wohl ein.
Jugend
Jugend ist das, was ich liebe, und nicht ein einzelner Junge.
So wirkt die Schönheit auf mich: jeder hat eigenen Reiz.
Der sexuelle Unterschied
Mädchen machen es nicht mit dem Hintern, und niemals küssen
Sie dich spontan, und der Haut fehlt natürlicher Duft.
Worte und Blicke, die offen und geil sind, kennen sie niemals.
Kennen sie sie aber doch, ist das noch weniger schön.
Kalt sind sie allesamt hinten. Das Schlimmste von allem ist aber:
Keine Stelle, wohin deine Hand sich verirrt.
Vorspiel
Diphilos, lieg nicht so starr im Bett und so voller Abwehr,
Doch benimm dich auch nicht ordinär wie das Gros.
Streichle und reize mich auf, bevor wir richtig beginnen.
Schlag mich und kneif mich und dann küß mich und sag auch etwas.
Natürlichkeit
Nicht das üppig zu Locken geringelte Haar, das gefällt mir.
Machwerk ist es der Kunst, nicht eine Form der Natur.
Schön ist der trockene Staub am Knaben aus der Palaistra,
Schön ist der Schimmer am Leib, der gesalbt ist mit Öl.
Schmuck- und putzlos will es mein Herz. Die Schönheit, die lockend
Gaukelt und ködert, die hat Kypris Für Frauen gemacht.
Küssen
Möchte ich küssen, dann will ich kein störrisches Sträuben, kein wildes
Kampfesgeschrei und kein Händegefuchtel vor mir.
Freilich, auch den mag ich nicht, der, wenn ich im Arme ihn halte,
Gleich schon bereit ist und sich widerstandslos ergibt.
Mir ist der Liebste, der golden die Mitte hält zwischen den beiden:
der sich versagen und doch auch sich verschenken kann.
Dreier
Zähle sie alle im Bett. Drei sind es: zwei davon handeln,
Zwei davon leiden. Vielleicht hältst du die Rechnung für falsch.
Doch sie stimmt schon genau. Denn der in der Mitte dient zweien:
Hinten vergnügt er den Freund, vorne vergnügt er sich selbst.
Blumenladen
Eben ging ich vorbei am Blumenladen, da sah ich
Drin einen Knaben, der flocht Blumen und Beeren zum Kanz.
Wund war mein Herz da sofort. Ich stand und träumerisch sprach ich:
"Sag mir, was kostets, wenn du mir deinen Kranz verkaufst?"
Rot ward der Bub wie die Rosen, er blickte zu Boden und sagte:
"Rasch! Geh gleich von hier weg, daß dich der Vater nicht sieht!"
Ich aber kaufte mir Kränze, ein Vorwand fand sich. Zu Hause
Hab ich die Götter bekränzt und dann gebetet - um ihn.
Menedemos
Um Menedemos brauchst du nicht lange dich listig zu mühen.
Blinzle ihm zu, und sofort sagt er als Antwort dir: "Los!"
Hinhalten kennt er nicht, nein, übertrifft noch des Werbenden Eifer,
schleicht nicht als matter Kanal, sprudelt als munterer Fluß!
Das Urteil des Paris
Gestern im Bade steifte der Schwanz des Diokles sich aufwärts,
gleich Aphrodite, die sacht hochstieg aus schäumender Flut.
Hätte man einst ihn Paris gezeigt, dem Hirten vom Ida,
hätte bestimmt er gewählt ihn statt der göttlichen Drei.
Die dunklen Augen
Ja, ich liebe die Weißen, ich liebe die Bräunlichgetönten,
Blonden bin ich so hold, und ich bin Dunkeln so gut.
Ich verschmähe auch nicht die hellen Augen, doch rasend
lieb ich des dunkeln Augs funkelnd erglänzende Pracht.
Zusammenleben
Diphilos, gingen wir nicht zusammen die richtige Straße?
Deshalb sieh nun auch zu, daß es immer so bleibt.
Was wir vom Schicksal bekamen, trägt Flügel: Du hast die Schönheit,
Ich meine Liebe zu dir, beide sind flüchtiger Art.
Jetzt einander vereint, bestehn sie ein Weilchen. Doch halten
Sie einander nicht fest, fliegen sie auf und davon.
Liebesideale
Jedes vernunftlose Tier erkennt nur sein Weibchen; wir aber,
Wesen mit Sinn und Verstand, haben den tieren voraus,
daß wir ein andres erfanden; und nur, wer Frauen sich widmet,
hat vernunftlosem Tier nicht das geringste voraus.
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