Autor:
Angelo Poliziano [Angiolo Ambrogini] (14. 7. 1454, Monteulciano - 29. 9. 1494, Florenz)
Werk:
Auszug aus "Orpheus"
Übersetzung:
Joachim Schlondorff, München 1963
Quelle:
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994
Angelo Poliziano, der größte Dichter seiner Zeit, war ein Freund Lorenzo Medicis
und der Erzieher dessen Kinder. Seinen guten Ruf verlor er wegen seiner Vorliebe
für Knaben. Er war etwas ungestalt, mit einer großen Nase und schrecklich mißgünstig;
nichts erboste ihn mehr, als wenn er hörte, wie andere gelobt wurden. Nach dem Zeugnis
von Zeitgenossen war er das größte Genie seit Ovid. Jeden Morgen wurde er von mehr
als 500 Schülern aus aller Herren Ländern an den Ort gebracht, wo er zu dozieren
pflegte, und jeden Abend von ihnen zu seiner Wohnung zurückgeführt. Varillas berichtet
in seinen Anekdoten aus Florenz (1685 - 87), wie der Dichter im Alter von 42 Jahren
überraschend starb: "Da er die sündhafte Leidenschaft für einen seiner hochgeborenen
Schüler nicht stillen konnte, wurde er von einem starken Fieber befallen. In der Hitze
des Anfalls verfaßte er ein Gedicht für seinen Geliebten, erhob sich vom Bett, nahm
eine Laute zur Hand und sang ein Lied mit einer derart zärtlichen und mitleiderregenden
Melodie, daß er nach der letzten Strophe verschied; dies alles geschah am Tage, als
Karl VIII. bei seinem Zug gegen Neapel die Alpen überquerte". Varillas verschweigt
in seinem Bericht, daß Poliziano nach eigenem Wunsch in der Kutte eines Dominikaners
in der Kirche von San Marco beigesetzt wurde. "Orpheus", von dem wir hier einen
Auszug wiedergeben, wurde für die Sprechbühne geschrieben; das Werk inspirierte
Monteverdi 1607 zu seinem "Orfeo".
Aus: Orpheus
Orpheus:
Kein Lied kann je so jammervoll erklingen
,
Daß es, was ich verloren, widerhallt;
Nie können Tränen ganz zum Ausdruck bringen,
Wie Schmerz sich häuft mit tödlicher Gewalt.
Solang die Götter mich zum Leben zwingen,
Werden meines Jammers Tränen nicht mehr kalt,
Mein Schicksal, das so grausam mich getrieben,
Zwingt mich, nie wieder eine Frau zu lieben.
Wenn Frühlingswind an Sonnentagen weht,
Will ich die schönen Blüten nur verehren;
Wenn auch der Sommer anmutig schön vergeht,
Will ich der Frauen Liebe mich erwehren;
Ihr Tod hat in mein Herz den Tod gesät;
Ich kann von Frauen nicht mehr reden hören.
Will jemals jemand mit mir Freundschaft pflegen,
Soll er damit nicht meinen Zorn erregen.
Wie elend ist, wer je sich selbst belügt
Und wollte über Frauenliebe klagen,
Der, dessen Freiheit schwächlich ihr erliegt,
Der Glauben schenkt, dem was sie heuchelnd sagen,
Die wirbelnd, wie ein Blatt im Winde fliegt,
Die Neigung leicht von dem zu jenem tragen;
Die Frau flieht dem, der folgt, folgt dem, der flieht,
Sie kommt und geht, wie zum Strand die Welle zieht.
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