Autor:
August Graf von Platen (24. 10. 1796, Ansbach - 5. 12. 1835, Syrakus)
Werke:
"Werden je sich feinde Töne", "Ghasele", "Ode", "Einladung nach Sorrent"
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Der aus einer alten, aber verarmten Adelsfamilie stammende August von Platen
brach 1818 die Offizierslaufbahn ab und siedelte im Herbst I826 nach Italien
über. Vergebens hatte er in Deutschland nach einer Freundschaft gesucht, wie
sie die Goethezeit Homosexuellen zugestand: Eng, aber platonisch. Glück fand
Platen freilich auch in Italien nicht. Immerhin vermied er nun den romantischen
Ausdruck des Leidens, von dem noch "Tristan" (1825) zeugt. Statt dessen
schilderte er Leben und Lebensideal in klassisch konkreter Anschaulichkeit:
So auch in der "Einladung nach Sorrent" die freilich an den Falschen erging
- den heterosexuellen Schriftsteller August Kopisch, der Platen nur sein Herz
auszuschütten pflegte. 1835 starb er in Syrakus an einer Überdosis an
Medikamenten, die er sich selbst gegen die Cholera verabreicht hatte.
Thomas Mann nahm ihn später zum Vorbild für seine Novelle "Tod in Venedig":
August von Platen, geboren in Ansbach, wurde zu Gustav von Aschenbach
Werden je sich feinde Töne
Du, zu deines Mädchens Laren
Kommst du nächtlich oft gegangen,
Schmiegst dich an die zarten Wangen,
Wühlst in ihren seidnen Haaren:
Während ich, der im Gemüte
Auf den Wink der Gunst, verzichtet
Bücher vor mir aufgeschichtet,
Überm Rauch der Lampe brüte.
Freund, es war ein eitles Wähnen,
Daß sich unsre Geister fänden,
Unsere Blicke sich verständen,
Sich vermischten unsre Tränen:
Laß mich denn allein, versäume
Nicht um mich die goldnen Tage,
Kehre wieder zum Gelage
Und vergiß den Mann der Träume!
Ghasele
Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir!
Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir!
Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg
Mit ew'gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?
Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallensang,
Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir:
Was willst du noch? Was blickst du noch umher?
Wirf alles, alles hin: du weißt, ich bleibe dir!
Tristan
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst der Erde taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen.
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen.
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen,
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!
Ode
Warm und hell dämmert in Rom die Winternacht:
Knabe, komm! Wandle mit mir, und Arm in Arm
Schmiege die bräunliche Wang' an deines
Busenfreunds blondes Haupt!
Zwar bist du dürftigen Stands; doch dein Gespräch
O wie sehr zieh ich es vor dem Stutzervolk!
Weiche, melodische Zauberformeln
Lispelt dein Römermund.
Keinen Dank flüstere mir, o keinen Dank!
Konnt' ich sehn, ohne Gefühl, an deines Augs
Wimper die schmerzende Träne hangen?
Ach, und welch Auge dies!
Hätt' es je Bacchus erblickt, an Ampelos
Stelle dich hätt' er gewählt, an dich allein
Seines ambrosischen Leibs verlornes
Gleichgewicht sanft gelehnt!
Heilig sei stets mir der Ort, wo dich zuerst,
Freund, ich fand, heilig der Berg Janiculus,
Heilig das friedliche, schöne Kloster
Und der stets grüne Platz!
Ja, von dort nanntest du mir die große Stadt,
Wiesest mir Kirch' und Palast, die Trümmer Sankt
Pauls, die besegelte, leichte Barke,
Die der Strom trieb hinab.
Einladung nach Sorrent
Laß, o laß, Freund, stieben den Staub Neapels,
Hinter dir laß jene von tausendstimmigem
Kaufgeschrei lauthallende, hochgetürmte
Straße Toledo!
Wo so furchtlos, trotz des Gerolls der Wagen,
Auf dem Korb, den voll sie gebracht zu Markte,
Nun er leer steht, schlummern die wegesmüden
Knaben des Landvolks.
Komm hierher, laß reinere Luft umwehn dich!
Sieh, wie farbreich, doppeltes Grün vermischend,
Hier vom Ölbaum rankt zu dem andern Ölbaum
Schlingen der Weinstock,
Dessen Frucht schon rebengesenkt herabreift:
Feige lockt, einhüllend in breit'res Laub sich,
ja, bis tief, bergtief in die Schlucht gedeihst du,
Schöne Zitrone!
Schatten winkt hier, Schatten und sanfte Labung,
Die des Meers Salzwoge dem Kühnen zuhaucht,
Der an Felsvorsprüngen erlauscht beschäumter
Brandungen Ankunft.
Bäder auch, weichsandiger Wellengrund ist,
Wo die Steinwand Lasten erträgt von Efeu.
Grotten sind hier, kühler als San Giovannis
Höhlenvertiefung,
Wo so oft hinruderten uns die Schiffer,
Wo die rotblau dunkelnde See wie Purpur
Glänzte. Dort, Freund, gönntest dem Freund du manche
Lehre der Schwimmkunst.
Komm und sieh, hochoben vom Dach, den Spiegel
Dieses Golfs, weiteben und segelreich an!
Sieh von fern herwehen den Rauch Neapels,
Sieh des Vesuvs Rauch!
Inseln auch, komm! schmücken das Meer: Es streckt sich
Ischia turmgleich, Procida langgedehnt aus,
Cap Misen ragt mitten im Abendlicht als
Nackende Felsbrust,
Die im Kahn sonst schaukelgewiegt umschifft wir,
Als begrüßt wir jenes zerstörte zwar, doch
Stets in Lenzglut schimmernde, stets mit Zephyrn
Buhlende Bajä.
Unser Bund, kein Bund wie die meisten ist er:
Zeugen sind, holdlachende, Meer und Erdkreis,
Zeugen sind ehrwürdige Trümmer, welche
Römergewalt schuf.
Deines Bilds Bild ruhte mir längst im Innern,
Seit der Freundschaft Seelenberuf erwacht war,
Der so gern schau'n möchte des eignen Wesens
edlere Selbstheit.
Hohe Tatkraft! Adel der Form! Die Zeit hat
Tief in Roms brachliegenden Schutt versenkt euch,
Hat als Bruchstück nieder ins Gras die schöne
Säule geschleudert!
Liebe blieb, Freund! Busen an Busen laß uns
Dienen ihr! Einst wieder vielleicht vermählt sich
Ihr des Hochsinns Genius, dann erbaut auch
Wieder ein Rom sie.
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