Autor:
Sandro Penna (1906, Perugia - 1977, Rom)
Werke:
"Ins kühle Pissoir am Bahnhof",
"Phantasie für einen Frühlingsanfang", "Leben ist sich erinnern"
Übersetzung:
R. v. d. Marwitz, Freiburg 1985
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Sandro Penna entwickelte trotz Arbeit im väterlichen Gemischtwarenladen
das Gefühl, anders zu sein als die Bürger um ihn herum: Denn er liebte die
Jungen, und er war ein Poet. 1928 schrieb er das erste für ihn gültige und wohl
auch berühmteste Gedicht: "Das Leben ist sich erinnern" (La vita è ricordasi)
in dem er die lyrische Formel fand für die sich einprägende Flüchtigkeit seiner
sexuellen Eindrücke und Erlebnisse. 1977 starb Penna, mittlerweile berühmt
und umsorgt von einem Bewundererkreis, in Rom.
Ins kühle Pissoir am Bahnhof
Ins kühle Pissoir am Bahnhof
steig ich vom sengenden Hügel hinab.
Staub und Schweiß auf meiner Haut
berauschen mich. In den Augen singt noch
die Sonne. Jetzt geben sich Körper und Seele hin
zwischen leuchtend weißem Porzellan.
Phantasie für einen Frühlingsanfang
Deine teuflischen Augen
sehen mich nicht mehr an.
Ich fühle Flügel in mir
wachsen. Schon schaue ich auf.
Dunkle eilige Züge
pflügen grüne Wiesen
und vergessen, glücklich,
die Bahnhöfe von gestern.
Wo auf verschreckten Zifferblättern
die Stunden stillstehen
eine vage Liebe zurückkehrt
zu flüchtigen Dingen.
Der Abschied ist noch leicht
wenn man - ich vergesse -
den Schnee hinter sich läßt
der ins tiefe Tal fällt.
Das Leben ist sich erinnern
Das Leben... ist sich erinnern an ein trauriges
Erwachen in einem Zug bei Morgendämmerung: draußen
das unbestimmte Licht gesehen haben: im zerschlagenen
Körper die keusche und herbe Melancholie
der stechenden Luft gespürt haben.
Sich aber der unerwarteten Befreiung
zu erinnern ist süßer: in meiner Nähe
ein junger Matrose: das Blau
und das Weiß seiner Uniform, und draußen
ein Meer ganz frisch von Farbe.
____________________________________