Autor:
Pier Paolo Pasolini (5. 3. 1922, Bologna - 2. 11. 1975, Ostia)
Werk:
"Einer der vielen Epiloge"
Übersetzung:
T. und B. Kienlechner, Berlin 1982
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Pasolini lernte I965 den fünfzehnjahrigen Ninetto Davoli kennen. Pasolini
verliebte sich. Doch der Jüngere entzog sich zunehmend, das Gedicht, das
Pasolini schrieb, als er ihn nach der Einberufung zum Militär nach Arezzo
gefahren hatte, spiegelt das: Es ist "Einer der vielen Epiloge" (Uno dei tanti
epiloghi). Doch erst 1971 kam es zur endgültigen Trennung. 1975 wurde
Pasolini von dem Strichjungen Giovanni Pelosi ermordet.
Einer der vielen Dialoge
He! Ninarieddo, erinnerst du dich an den Traum...
über den wir so oft gesprochen...
Ich saß im Auto, fuhr alleine los, leer der Platz
an meiner Seite, und du liefst mir nach:
neben der Wagentür, die noch halb offenstand,
schriest du, eigensinnig und keuchend,
wie Kindergeschluchz' in der Stimme:
"Pa', he, nimmst du mich mit? zahlst mir die Reise?"
Es war die Reise des Lebens: und nur im Traum
hast du gewagt, dich zu zeigen, mich um etwas zu bitten.
Du weißt es sehr gut, daß dieser Traum ein Stück Wirklichkeit ist,
nicht ein erfundener Ninetto, der diese Worte gesprochen,
und wirklich, wenn wir reden davon, wirst du rot.
Gestern abend in Arezzo, im Schweigen der Nacht,
als die Wache das Tor mit der Kette verschloß
hinter dir, und eh du verschwandest
mit deinem I.ächeln, blitzend und ulkig, sagtest du: "Danke!"
"Danke", Ninè? Es ist das erstemal, daß du das sagst.
Und dir wird es bewußt, du verbesserst dich, verlierst nicht das Gesicht
(darin bist du Meister) und sagst:
"Danke fürs Mitnehmen." Die Reise, die ich dir bezahlen sollte,
ich sag es erneut, war die Reise des Lebens:
Es war in diesem Traum, vor nun drei, vier Jahren, daß ich mich gegen
meine zweideutige Liebe zur Freiheit entschied.
Wenn du heute mir dankst für die Mitfahrt... Mein Gott,
während du dort im Loch hockst, nehme ich
nur mit Ängsten das Flugzeug zu einer Stadt in der Ferne.
Unersättlich hänge ich an unserem Leben,
denn nur ein Ding auf der Welt schöpft sich nie aus.
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