Murnau kommt als Sohn des Tuchfabrikanten Heinrich Plumpe und dessen zweiter Frau Otilie in Bielefeld zur Welt. Vier Jahre später zieht er mit den Eltern und seinen Brüdern Bernhard und Robert, sowie den beiden Stiefschwestern Ida und Anna nach Kassel, wo Murnau die Oberrealschule besucht. In der komfortablen Villa wird oft Theater gespielt; schon als Schüler inszeniert er ganze Theaterstücke. Mit zwölf Jahren liest er Schopenhauer, Nietzsche, Shakespeare und Ibsen. Nach seinem Schulabschluß im Jahre 1907 geht Murnau nach Berlin um Philologie zu studieren, bald darauf begibt er sich nach Heidelberg, wo er Kunstgeschichte und Literatur studiert. In Heidelberg beteiligt er sich auch an der hiesigen Studentenbühne. Seit seinen ersten Schauspielversuchen nennt er sich nach dem bayrischen Ort Murnau, mit dem sich die Erinnerung an eine wichtige Begebenheit seines Lebens verbindet. Max Reinhardt sieht einen seiner Auftritte und ist so begeistert, daß er ihn sofort für die beste Schauspielschule Berlins verpflichtet. Zu Murnaus Freundeskreis gehören jetzt Künstler und Dichter wie Franz Marc und Else Lasker-Schüler. Am nächsten steht ihm jedoch Hans Ehrenbaum, dessen Familie ihn sogar wie einen zweiten Sohn aufnimmt. Als der Krieg ausbricht, meldet er sich freiwillig und kämpft als Kompanieführer in der Nähe von Riga. Zwei Jahre später wird er Fliegerleutnant an der Westfront. Es heißt, daß Murnau sich bei seinen acht (!) Abstürzen kaum verletzt haben soll. Nach einer Notlandung interniert man ihn in der Schweiz. Dort bekommt er im Wettbewerb für das beste Inszenierungskonzept den ersten Preis. 1919 kehrt er nach Berlin zurück, um die Murnau-Veidt-Filmgesellschaft ins Leben zu rufen.
Murnau debütiert mit Der Knabe in Blau (1919), ein Film nach Oscar Wildes Geschichte um das Gemälde Blue Boy von Thomas Gainsborough. Dieser Film ist leider verschollen, so wie der im gleichen Jahr entstandene Satanas, bei dem Robert Wiene und Conrad Veidt, Regisseur und Hauptdarsteller des berühmten Caligari, maßgeblich beteiligt waren. Mit Nosferatu (1922), einem der typischen expressionistischen Tyrannenfilme, gelingt ihm der Durchbruch und mit dem Kammerspielfilm Der letzte Mann (1924) der Welterfolg. Der Hollywood-Produzent William Fox entschließt sich im März 1925, Murnau durch einem Vierjahresvertrag an sich zu binden. Tartüff (1926) und Faust (1926) sind die letzten Filme, die er in Deutschland dreht. Sein erster amerikanischer Film Sunrise (Sonnenaufgang) (1927), nach Sudermanns Die Reise nach Tilsit, knüpft an seine großen künstlerischen Erfolge an. Murnau muß jedoch bei den nächsten beiden Filmen einige Kompromisse eingehen und wird dem geschäftigen Treiben in Hollywood bald überdrüssig. Er verläßt diesen goldenen Käfig und reist im Frühjahr 1929 nach Tahiti, um dort mit dem Dokumentarfilmer Flaherty einen Film über die Südseebewohner zu drehen. Die sinnliche Kultur der polynesischen Inseln hatte sicher eine ungeheure Anziehungskraft auf den empfindsamen Murnau, da er sich als homosexueller Deutscher ständig durch den § 175 bedroht fühlte. Und obwohl der Film Tabu eine tragische Geschichte erzählt, steht doch die romantische Schönheit der Südsee und ihrer Menschen eindeutig im Vordergrund. Während der Dreharbeiten kommt es zum Streit zwischen Murnau und Flaherty, und Murnau muß den Film schließlich alleine vollenden.
Die anfallenden Kosten bedeuten eine große finanzielle Belastung für Murnau, doch die Leute von den Paramount Pictures finden Gefallen an dem fertigen Film und wollen ihm ein Zehnjahresvertrag anbieten. Er plant nun in die Südsee zurück zu kehren, da er weitere Projekte in Polynesien verwirklichen möchte. Die Premiere von Tabu (18.3.1931) wird jedoch ohne ihn gefeiert. Ein Autounfall, bei dem der 14jährige philipinische Leibdiener am Steuer saß, beendet das Leben dieses faszinierenden Mannes. Sein Leichnam wird nach Deutschland überführt und auf dem Stahnsdorfer Friedhof bei Potsdam begraben. Erich Pommer, Emil Jannings, Fritz Lang, G. W. Pabst, Ludwig Berger, Fritz Arno Wagner, Walter Röhrig, Rochus Gliese, Carl Hoffmann, Robert Herlth, Robert Flaherty (zu dieser Zeit zufällig in Berlin) und Carl Mayer erweisen ihm die letzte Ehre.
Man nannte Murnau das deutsche Filmgenie; zeitgenössische Kritiker sahen in ihm den besten deutschen Regisseur und bezeichneten seinen Film Der letzte Mann, der durch die Entwicklung der entfesselten Kamera weltweites Aufsehen erregte, als den besten Film, der je gedreht worden sei. Seine Mitarbeiter rühmten seine hohe Kultur und die Noblesse im Umgang mit Menschen. Die Stimmung, die das Team allgemein beherrschte, berichtete Herlth, war gute Laune, mit Witz und Spott gemischt. Uneingeweihte, die in diesen Kreis traten, waren verblüfft, sich über Scherz und Ernst nicht mehr auszukennen. Es war der Übermut derer, die sich bewußt waren, etwas Ungewöhnliches zu schaffen.
Jeder der ihm begegnete, wußte sofort: hier ist ein Mensch von hoher Art. Eine große Würde und Ruhe war um ihn aber auch Fremdheit, ein Hauch von Vereinsamung. Man hat von der tragischen Atmosphäre gesprochen, die ihn umgab. Sein Weg durch Leben und Kunst - und jetzt sein Ende: alles war wie nach einem strengen Gesetz. Es war das Gesetz, das er selbst über sich verhängt hatte. Dieses Gesetz hieß: Alles oder nichts.
Berthold Viertel (aus seiner Rede zur Trauerfeier in Hollywood)
Wenn einmal Jahrzehnte vergangen sein werden, dann wird man wissen, daß hier ein Pionier mitten aus dem Schaffen abtrat, dem der Film die eigentliche Basis verdankt, sowohl in künstlerischer wie in technischer Hinsicht.
Fritz Lang (aus seiner Grabrede auf dem Stahnsdorfer Friedhof)
Greta Garbo hat lange die Totenmaske von Murnau aufbewahrt, jenes Mannes, der ebenso einsam wie sie gewesen ist.
Lotte Eisner (in ihrer Murnau-Biographie)
Weitere Filme:
1920: Der Bucklige und die Tänzerin
Der Januskopf
Abend-Nacht-Morgen
Sehnsucht
Der Gang in die Nacht1921: Schloß Vogelöd - Die Enthüllung eines Geheimnisses
Marizza, genannt die Schmugglermadonna1922: Der brennende Acker
Phantom1923: Die Austreibung 1924: Die Finanzen des Großherzogs 1928: Four Devils (Vier Teufel) 1930: City Girl (Die Frau aus Chicago)
Seine wichtigsten Filme in Deutschland:
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Nosferatu ![]()
Der brennende Acker ![]()
Der letzte Mann ![]()
Tartüff ![]()
Faust
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Bibliographie:
- Eric Rohmer: Murnaus Faustfilm, Carl Hanser Verlag, München-Wien 1980 - F. W. Murnau: Nosferatu, Eine Publikation des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, M. 1987 - Friedrich Wilhelm Murnau - 1888 - 1988, Eine Publikation zur Ausstellung. Bielefeld 1988. Redaktion: Klaus Kreimeier - Alexandra Jacobson: F. W. Murnau: Ein Sohn der roten Erde In: Frank Bell, Alexandra Jacobson, Rosa Schumacher: Pioniere, Tüftler, Illusionen. Kino in Bielefeld, Bielefeld 1995 - Fred Gehler, Ulrich Kasten: Friedrich Wilhelm Murnau, Berlin 1990 - Lotte H. Eisner: Murnau, Frankfurt 1979 (Mit Drehbuch zu NOSFERATU). Kommunales Kino Frankfurt/M. Hrsg.: Hilmar Hoffmann und Walter Schobert - Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1987 - Peter Jansen, Wolfram Schütte (Hrsg.): Friedrich Wilhelm Murnau, Mit Beiträgen von Fritz Göttler, Frieda Grafe, Wolfgang Jacobsen, Enno Patalas, Gerhard Ullman (Fotos). München 1990 - Luciano Berriatúa: Los proverbios Chinos de F. W. Murnau (2 Bände: Etapa Alemana, 1990; Etapa Americana, 1990-1992) Hrsg.: Filmoteca Españolo, Madrid 1990 - Frederick W. Ott: The great German films, Citadel Press, Secaucus, N. J. 1986 - Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Band 1: 1913 - 1946, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1995 - Ilona Brennicke, Joe Hembus: Klassiker des Deutschen Stummfilms, Wilhelm Goldmann Verlag, München 1983 ____________________________________