Autor:
Martial [Marcus Valerius Martialis] (40 n. Chr., Bilbilis/Spanien - 104 n. Chr., Bilbilis)

Werke:
"Der ideale Knabe", "Warum mit Knaben?", "Eifersüchtiger Gastgeber", "Geld und Geschlecht", "Kuß eines Knaben", "Grab des Geliebten", "Der Flaum", "die Rasur", "Der Tausch", "An Hyllus"

Übersetzung:
R. Helm, Stuttgart/Zürich 1957: Der ideale K./ Warum mit K.?/ Eifers. G./ Geld u. Geschl./ Kuß eines K.
Alexander Berg , Stuttgart 1865: Der Fl./ Die R./ Der T./ An H.

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994



Martial, der ursprünglich aus der spanischen Provinzstadt Bilbilis stammte, gelangte als 24jähriger nach Rom. Die Großstadt faszinierte ihn: Sie lieferte ihm den Stoff für seine Epigramme - überraschend empfindsame an Knaben, humoristisch derbe über die Jagd der Römer nach Sex und Prestige. Er tat mit - und auf seine Schmeicheleien ging ausgerechnet der verhaßte Kaiser Domitian ein, der ihn zum Ritters machte. Martial übte niemals einen Beruf aus, sondern begnügte sich damit, im Gefolge bekannter Persönlichkeiten zu leben. Er war befreundet mit Quintilian, dem Erzieher des späteren Kaisers Hadrian, mit Plinius dem Jüngeren und mit Juvenal. Zur Zeit Trajans fiel er jedoch in Ungnade und so zog er sich in seine Heimatstadt zurück, wo er schließlich auch starb.



Der ideale Knabe

Wollte einst jemand auf meine Bitte 'nen Knaben mir schenken,
Flaccus, mein alter Freund, dann müßt' es so einer sein:
Erstens müßte der Knabe vom Ufer des Nilflusses stammen,
Kein Land regt ja mehr an zu üppiger Lust.
Weißer als Schnee müßt' er sein; in Marea, wo man nur dunkel,
Ist ja schöner das Weiß, weil es so selten dort ist.
Augen hab er wie glänzende Sterne! Weich fallen die Haare
in seinen Nacken, jedoch niemals künstlich gelockt!
Kurz sei die Stirn und mit Maß und nur leicht gebogen die Nase!
Rosen von Paestum gleich, leuchte die Lippe ihm rot!
Wenn ich nicht will, soll er locken, sich aber weigern, wenn ich etwas möchte.
Freier zeig' er sich oft als sein eigener Herr!
Angst soll er haben vor Knaben, die Türe schließen vor Mädchen.
Andren zeig' er den Mann, mir den Knaben allein!
"Klar doch! Du machst mir nichts vor: Ich teile ja ganz deine Meinung.
Du denkst doch auch: So war mein Amazonicus."




Warum mit Knaben?

Wenn du beim Knaben mich findest, da schiltst du mit finsteren Worten,
Liebe Frau, und bemerkst, hinten, da wärst du ihm gleich.
Wie oft sagte das gleiche dem lüsternen Jupiter Juno!
Doch wer schlief denn mit ihm? Ganymed, sogar als Mann.
Herkules legte den Bogen ab, um es mit Hylas zu treiben.
Meinst du, daß Megara nicht ihre zwei Backen gehabt?
Als Apollo verletzt war, weil Daphne ihn floh, löscht' ein Knabe
Ihm die Flammen der Lust: Oibalos' Sohn Hyazinth.
Briseis bot dem Achilles mehr als einmal den Hintern,
Dem aber war dann doch näher der bartlose Freund.
Laß es und gib deinen Dingen Bezeichnung nicht, die vom Manne,
Denke dran, Liebe, du bleibst vorne und hinten ein Weib.




Eifersüchtiger Gastgeber

Wenn wir den Hyllus, der uns die Weine bei dir immer einschenkt,
Anschaun, dann zeigst du uns, Afer, ein finstres Gesicht.
Wo bitte, wo ist der Frevel, besieht man den hübschen Servierer?
Sehn wir doch Sonne, Gestirn, Tempel und Götter uns an.
Soll ich den Blick etwa wenden, als reichte mir Gorgo den Becher,
Ginge sofort aufs Gesicht und die Augen mir los?
Furchtbar war Herkules, trotzdem durfte man Hylas betrachten.
Und auch Merkur ist erlaubt: flirten mit Zeus' Ganymed.
Soll deine hübschen Diener kein Gast mehr betrachten, so lade,
Blinde wie Phineus und wie Ödipus künftig nur ein.




Geld und Geschlecht

Hunderttausend verlangte der Händler von mir für den Knaben.
Ich verlacht' ihn, allein Phoebus, der gab sie sofort.
Nun ist mein Schwanz bekümmert und hadert mit mir sehr deswegen,
Und bedenkt mir zum Tort Phoebus mit riesigem Lob.
Aber sein Schwanz hat Phoebus schon zwei Millionen erworben.
Gibst du mir ebensoviel, zahl ich noch höheren Preis.




Kuß eines Knaben

Wie eines Apfels Duft, wenn ein zartes Mädchen hineinbeißt,
Wie der Hauch, der zart Korykos' Safran entströmt,
Wie die ersten Trauben am weißlich blühenden Weinberg
Wie der Geruch vom Gras, das sich ein Lämmchen gerupft,
Wie die Erntearbeiter, wie Myrte, geriebener Bernstein,
Wie das Feuer, wenn bleich Weihrauch des Ostens verdampft,
Wie die Scholle, die leicht vom Sommerregen benetzt wird,
Wie der Kranz, wenn das Haar feucht vom Nardenöl ist,
Also duftet dein Kuß, Diadoumenos, grausamer Knabe.
Wie erst, wenn du ihn ganz ohne ein Sträuben mir gäbst?




Grab des Geliebten

Alcimus, mir, deinem Herrn, in der Blüte der Jahre entrissen,
Rasen bedeckt dich nun: Labicums blühende Flur.
Nicht die schwankende Last von Parischem Marmor, die einstürzt,
Nichts, was an eitlem Prunk man sonst den Toten noch weiht.
Nein, nur gewöhnlichen Buchs und dunkelschattende Reben,
Grünen Rasen dazu, den ich mit Tränen betaut,
Lieber Knabe, empfange von mir als Zeichen des Kummers.
Das ist die Ehre, die dir ewige Zeiten nun bleibt.
Und wenn die Parze auch mir den Faden des Lebens zerschneidet,
Soll meine Asche dort, wünsche ich, ebenso ruhn.




Der Flaum

So undeutlich noch ist, so weich dein Flaum, daß der Athem,
Daß ihn die leichteste Luft, daß ihn die Sonne verweht.
Aehnliche Wolle verbirgt die vom Baum frisch kommende Quitte,
Die, wenn der Jungfrau Daum der sie beraubete, glänzt.
Wenn ich kräftiger dir fünf Küsse drück' auf die Lippen.
Werd' ich von deinem Mund, Dindymus, bärtig gemacht.




Die Rasur

Daß du die Brust, daß die Schenkel du dir, daß die Arme du rupfest,
Daß den geschorenen Schoß gürtet gekürzetes Haar,
Das, Labienus, geschieht - wer wüßt's nicht? - für die Geliebte.
Wem zu Gefallen enthaart wird, Labien, dein Gesäß?




Der Tausch

Artemidor verkaufte sein Feld und hat nun den Knaben:
Statt des Knaben besitzt Calliodorus das Feld.
Auctus, sage mir, wer von den beiden besser gethan hat,
Artemidorus, der liebt, Calliodorus, der pflügt.




An Hyllus

Hyllus, was weigerst du heut, was du gestern, Knabe, gewährt hast,
Plötzlich so spröde, der nur eben so milde du warst?
Doch jetzt schützest du vor den Bart und das Haar und die Jahre.
Wie lang bist du, o Nacht, welche zum Greise du machst!
Sprich, was verspottest du mich? der du gestern Knabe gewesen,
Hyllus, was hat für ein Grund heute zum Mann dich gemacht?


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