Autor:
Marbod von Rennes (um 1050, Angers - 1123, Rennes)

Werk:
"An einen abwesenden Freund"

Übersetzung:
Rüdiger Campe, Frankfurt/M. 1994

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994



Marbod setzte sich schon als Leiter der Klosterschule von Chartres für eine Renaissance der lateinischen Literatur ein: auch und gerade der Knabenlyrik. Ob und welche persönlichen Erfahrungen den Stoff zu seinem Gedicht "An einen abwesenden Freund" [Ad Amicum Absentem] liefern, ist unbekannt. Marbod starb 1123 als Bischof von Rennes.



An einen abwesenden Freund

In der Stadt also blieb es, worum du dich sorgst? Und du liebst es,
Ernsthaft liegt dir daran? Dann laß Sorgen am Hofe dem Hofmann,
Zögere nicht! Wie furchtbar nimmt stündliche doch zu die Gefahr,
Keine Rettung bleibt dem, dem dieses Unglück geschehn.
Hast du noch etwas zu tun in Calonna, laß das jetzt ruhn!
Alles steht hier auf dem Spiel, und dort gewinnst du nicht viel.
Den größten Wert dieser Welt hat ein Junge, der treu zu dir hält,
Wartest du etwas nur zu: die Treue schwindet im Nu.
Wenn sich so viele Chancen ihm bieten - man macht ihm Avancen -,
Groß ist da die Versuchung: Ich fürchte, es siegt die Verlockung.
Komm doch zurück! Keine Rast! Wenn dir lieb ist, was du so lieb hast.
Laß die Burg! heißt mein Rat, möchtest du halten die Stadt.

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