Regie: Friedrich Wilhelm Murnau Drehbuch: Carl Mayer Kamera: Karl Freund Filmarchitektur: Robert Herlth & Walter Röhrig Musik: Giuseppe Becce Darsteller:
Emil Jannings (Portier), Maly Delschaft (seine Tochter), Max Hiller (deren Bräutigam), Emilie Kurz (dessen Tante), Hans Unterkirchner (Geschäftsführer), Olaf Storm (junger Gast), Hermann Vallentin (spitzbäuchiger Gast), Georg John (Nachtwächter), Emmy Wyda (dünne Nachbarin), Erich Schönfelder, Neumann SchülerProduktion: Ufa Drehort: Atelier Neubabelsberg Premiere: 23. 12. 1924, Ufa-Palast am Zoo, Berlin Länge: 2315 Meter (86 Minuten)
Der alternde Portier eines Luxushotels wird in die Herrentoilette versetzt, was er als Degradierung, als vernichtenden Prestigeverlust, sozialen Abstieg und persönliche Tragödie empfindet. Zur Hochzeit seiner Tochter stiehlt er die Portiersuniform aus dem Hotelschrank, weiß er doch, daß sie der gerngesehene Gast ist, weniger der Mensch, der darinnen steckt. Zum letzten Mal ist er umschmeichelter Mittelpunkt einer Gesellschaft, aber schon plagen ihn Alpträume: Die Hotelfassaden stürzen über ihm zusammen, die devoten Mienen der Nachbarinnen verzerren sich zu bedrohlichen Fratzen. Als die Tante des frischgebackenen Ehemannes, die Absichten auf den begehrten Portier hat, entdeckt, daß er in der Toilette Dienst tut, gibt es kein Mitleid. Die gute Stube wird zum Tribunal, der deklassierte Epaulettenträger zum Ausgestoßenen. Heimlich schmuggelt er die Uniform in den Schrank zurück, assistiert vom Nachtwächter des Hotels. Dann kauert er, ein Häufchen Unglück, auf seinem Hocker in der Herrentoilette. In dem versöhnlichen Epilog des Films erbt er jedoch das Vermögen eines Millionärs, der in seinen Armen gestorben war. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Nachtwächter, genießt er den unerwarteten Reichtum.
Die Geschichte klingt nach Dreigroschenheft. Aufsehenerregend war aber, was das Dreigespann Murnau, Mayer und Freund aus ihr gemacht haben. Der letzte Mann gilt als Höhepunkt des deutschen Stummfilms, als Prototyp des Kammerspielfilms und als Premiere der entfesselten Kamera. Ihre Bedeutung für die Revolutionierung filmischer Ausdrucksmittel wurde mit der des Tonfilms gleichgesetzt. Die erste Sequenz bezeichnet bereits den Stil des Films: Der Kameramann fährt in einem türlosen Fahrstuhl durch die Stockwerke eines Luxushotels, auf einem Fahrrad sitzend durch das Vestibül bis zur Drehtür, durch die er die Geschäftigkeit vor dem Hoteleingang und die Pose der Hauptfigur, des Portiers, beobachtet. Erst dann erfolgt der Schnitt, der die Großaufnahme eines wichtigen, handlungsbestimmenden Objekts erlaubt: des Koffers, für den die Kräfte des Portiers nicht mehr ausreichen, was den Beginn seines Dramas zur Folge hat. Mit dem neuen Mittel, der subjektiven Kamera, wurde fast ausschließlich aus der Sicht des Portiers erzählt, seine Gefühlslage ausgedrückt. Extreme Blickpunkte, Lichtgestaltung, Körperhaltung und Mienenspiel der Schauspieler verraten die Nähe zum Expressionismus. Mit der Versetzung in die Herrentoilette verliert der Portier die bunte Uniform, lebenswichtiges Statussymbol, das ihm nicht nur die Illusion gab, ein Teil der großen Welt zu sein, die er von seinem Posten aus beobachten durfte, sondern ihn auch zur bewunderten und beneideten Respektsperson in seinem Hinterhausmilieu machte. Er genoß die Devotion der Nachbarn. Mit abgeguckter Geste verteilte er gönnerhaft Aufmerksamkeit. Er schlichtete Kinderstreit, strafte und beschenkte, er, eine Mischung aus lieber Gott, Knecht Ruprecht und Hindenburg. Als ihm die Uniform vom Leib gezogen wird, assoziiert man die Prozedur des Häutens, schmerzhaft und tödlich. Er steht wie entblößt, hat seine Identität verloren. Er ist ein Niemand.
Aber der Autor hat ihm ein Nachspiel geschenkt, wie es im Leben nicht zu sein pflegt, informiert der einzige Zwischentitel des Films und setzt den Epilog dadurch deutlich von der Geschichte ab. Die Protz- und Freßorgie des ehemals Gedemütigten ist nicht nur eine Satire auf das Hollywood-Happy-End, sondern auch auf die selbstgefälligen Neureichen in der nun anbrechenden Zeit der Wirtschaftsstabilisierung. Als der millionenschwere ehemalige Portier mit großer Geste einen Armen in seine Kutsche einlädt, rutscht dieser langsam, aber unaufhaltsam bis auf den Boden: Ein Platz für ihn ist gar nicht vorgesehen. Murnau zielte mit dem Symbolgehalt seiner Geschichte nicht auf ein Einzelschicksal, er hatte eine kollektive Veranlagung im Visier. Wesentliche Impulse für die optischen Entdeckungen des Films gab das Drehbuch von Carl Mayer. Schon bei dem frühen italienischen Film Cabiria (1914) war die Kamera gefahren, aber sie hatte nur einen Eindruck von dem Ausmaß der Dekorationen vermittelt; Schwenks hatten Urban Gad und auch Paul Wegener in ihren ersten Filmen angewandt; in Scherben (1921) gab es bereits kühne Kamerablickpunkte, und in Sylvester (1924) waren Kamerastandpunkte mit Bewegungen kombiniert. Aber erst Karl Freund eröffnete der Kamera neue Möglichkeiten: Sie wurde zum Instrument der Analyse, kroch in die Seele des Menschen und offenbarte seinen inneren Zustand. Sie wurde zu einer handelnden Person der Geschichte. Erstmalig stand eine vollautomatische Kamera zur Verfügung. Hell-Dunkel-Effekte wurden genutzt, die der Expressionismus kultiviert hatte. Schicksalsschwere Schatten, Lichtkegel, Glastüren, schwingend und sich drehend, regennasse Straßen, glänzender Ölmantel, blitzende Wasserhähne, Spiegel sind wichtige optische Komponenten. Die Zeit der großen Metaphorik der überhöhten Caligari-Nosferatu-Geschichten war vorbei, aber für den Hintersinn von Situationen und Figuren wurden die Dinge des Alltags aktiviert.
Der Film war eine Sensation. Regisseur, Kameramann und Hauptdarsteller wurden weltberühmt.
Bilder:
Dreharbeiten (ganz links: Murnau) // der Portier // der Portier und ein Hotelpage // die Entlassung // der Verlust seiner Uniform // seine neue Arbeit // der Degradierte // sein Freund der Nachtwächter // der Portier und seine Tochter // der Portier und ein paar Frauen // der Portier und eine Nachbarin // lachende Gesichter // ein Zeitungsartikel // sein Leben als Millionär____________________________________
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