Autor:
Michail Kuzmin (18. 10. 1875, Jaroslawl - 3. 3. 1936, Leningrad)
Werk:
"Nacht und Gespräch"
Übersetzung:
Guntram Vesper, Frankfurt/M. 1994
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Kuzmin erlebte 1913 einen Schock: Sein Geliebter Vsevulod Knjazew
erschoß sich. Und Kuzmin erlebte großes Glück: Im selben Jahr lernte
er den Lebensgefährten seiner weiteren Jahre kennen - Jurij Jurkun, der
aus dem polnischen Teil Litauens stammte. Kuzmins Leben schien sich
beruhigt zu haben: Dieses Gefühl drücken auch die Gedichte des 1914
veröffentlichten Zyklus "Nacht und Gespräch" aus.
Nacht und Gespräch
I
Wenn Sie denken, ich sei
ein Dichter, verliebt:
in Wahrheit bin ich ein Geograph,
Geograph jenes Lands,
das man täglich entdeckt und das
immer überraschender und verlockender wird,
je besser man's kennt.
Dabei behaupte ich nicht,
das Land sei Ihre Seele
(schon Verlaine hat unser Innenleben
mit einer Landschaft verglichen), aber ähnlich
ist's Ihrer Seele auf jeden Fall.
Ohne Meere, Wälder und Alpen,
dafür mit Seen und Flüssen
(slawischen Flüssen, nicht russischen
einfach),
mit hellen Ufern und dunklen Liedern;
weiße Wolken am Himmel;
April ist dort, immer,
Sonne und Wind,
mit Segeln, mit Brunnenstellen,
mit Kranichketten im Blau;
traurig ist's dort,
nicht düster,
als sei
das sorglos schimmernde Land
vor Zeiten einmal
von Pferdehufen, von Karrenrädern
eingefallener Feinde
zerstampft, zermahlen worden,
zuckender Widerschein der Brände,
auch jetzt noch manchmal:
Erinnerung;
an den Wegen
überall Birken,
seitab die Schlösser,
aus ihren Mauern
die Mazurka vertrieben
in die Schenken der Dörfer,
wo Sie dem Mitleid,
wo Sie der Zärtlichkeit begegnen
und die Wildheit
kurzer Frühjahrsgüsse erleben;
Rotkehlchenlaut und Mädchenlachen,
während Maria, die Jungfrau,
von oben zuschaut.
Aber über die Seele hinaus
beschreib ich noch andere Länder,
ohne Kolumbus, Przewalski zu sein,
ich bin
verliebt ins Unbekannte und verdammt
zum Herumziehn:
je weiter ich komme, um so mehr
Wunder und Liebe.
Worte wie Bernstein, bernsteingelb,
wie Rose, rosenfarben,
Topase,
Ambra, mit Honig vermischt
und mit Purpur geschminkt,
Montraché und Chablis,
die Ufer von Smyrna, am Abend,
Hügel mit vollendeter Linie
über dem Dämmerdunkel der Täler:
Paradies
gestern und morgen...
Doch Schluß damit,
auch der Geograph, begeistert,
darf nicht unbescheiden sein.
II
Ist meine Liebe die erste,
die letzte,
ich weiß nur, ich kann
nicht ohne sie sein.
Jeden Abend geht der Venusstern auf,
auch hinter Wolken,
und der Glutschweif des Junovogels,
zusammengefaltet, blendet noch
mit allen Smaragden und Saphiren des Ostens.
Meine Liebe ist einfach, sie vertraut,
ich entgehe ihr nicht,
meiner ruhigen Liebe.
Es gibt keine verstohlenen Treffen,
keine Treppen, Laternen,
keine romantischen Lieder
und kein Geflüster beim Tanz,
Anspielungen, Masken sind
meiner wortkargen Liebe fremd,
die alle Zuneigung des Bruders
mit der Treue des Freundes
und der Leidenschaft des Liebhabers vereint;
in welcher Sprache sollte sie reden,
sie schweigt.
Ohne Romantik
und Schönfärberei,
ohne Kinderrasselgeklapper
ist sie in ihrem Reichtum arm und doch voll.
Natürlich, die Liebe der Jugend kann das
nicht sein, eine Sache
der Kinder eher, der Pantoffelhelden
(vielleicht eines tattrigen Greises).
So einfach, diese Liebe,
so unscheinbar,
langweilig am Ende sogar.
Und dennoch: ich bin's.
Soll man jemanden loben,
nur weil er atmet,
sich bewegt, um sich guckt?
Von der andern Liebe blieb
schwarze Eifersucht übrig,
unschädlich, entgiftet,
denn ich weiß, daß
nichts uns trennt.
Das ist ganz einfach,
nicht wahr,
so wie das Trinken, wenn man
Durst hat, du weißt.
III
Momente gibt es,
in denen man nicht das letzte,
höchste an Zärtlichkeit verlangt,
sondern froh ist, sich in der Umarmung
an den andern pressen zu können.
Dann ist alles recht,
was kommt, sich ergibt,
was sich erfüllt
und was nicht gelingt.
Unser Herz
(zerrissen nicht, doch aufrecht,
nah und männlich)
schlägt altbekannt
und zuverlässig,
dem Ticken
einer Uhr im Dunkeln ähnlich:
"Alles gut,
alles still,
an seinem Platz bleibt alles jetzt."
Deine Arme, deine Brust
fast zart, denn du bist jung,
so zuverlässig stark;
dazu die Augen,
wahrhaftig, scheint mir,
voll Vertrauen;
wirklich, deine Küsse
sind den meinen gleich,
untrennbar
und nicht klebrig süß,
einander wert,
wozu noch küssen
also?
Dasitzen, wie Leute,
gerettet vom Schiff
wie Kinder ohne Eltern,
wie untrennbare Freunde,
allein auf der Welt;
sitzen,
sich fest umarmen,
sich aneinanderklammern!
Das Herz ganz nah,
im Gleichklang mit der Uhr
so ruhevoll,
und eine Stimme
wie die Stimme eines älteren Bruders
flüstert:
"Nur still,
es ist ja alles gut,
ist ruhig,
sicher,
wenn ihr nur zusammen seid."
IV
Merkwürdig, seltsam, kaum zu glauben,
daß du auf Alltagsstraßen gehst,
an deinen Füßen, die man küssen möchte,
die schicken Schuhe, einfach lächerlich.
Daß deine Hände schreiben,
Handschuh knöpfen,
Gabel, Messer, Löffel halten, Affengriff,
als wären sie vor allem
dazu gemacht.
Daß deine Augen auch, die heißgeliebten,
die blöden Witze in der Zeitung lesen,
Augen, die für mich
wie helle Spiegel einer Frühlingspfütze sind!
Was soll's, dein Herz
macht keine Fehler:
es schlägt und liebt.
Da gibt es keine Nobellatschen,
keine Geckenhandschuh
und kein Witzeblatt,
nicht wahr?
Es schlägt und liebt,
dein Herz,
mehr nicht.
Wie schade, daß ich es nicht küssen kann,
wie liebe Kinder, mitten auf die Stirn.
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