Autor:
Horaz [Quintus Horatius Flaccus] (8. 12. 65 v. Chr., Venusia - 27. 11. 8 v. Chr., Albaner Berge)

Werk:
"Ode IV"

Übersetzung:
J. H. Voß, Braunschweig 1820

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994



Horaz vollendete den letzten Band seiner Oden (Carmina) mit zweiundfünzig Jahren. Er eröffnet ihn mit einem großen Gedicht über die Altersliebe zu einem Knaben, deren lntensität seine selbstverordnete philosophische Ruhe erschüttert: Vergebens die Einsicht, die Liebe sei doch nun Sache einer neuen Generation, wie sie Augustus' Günstling Maximus Paulus repräsentiert.



Ode IV

Lang entfremdete Venus, du
Regest wieder den Kampf? Schone, verschone mich!
Nicht mehr jener, den Cinara
Einst so milde beherrscht, bin ich. Laß daher ab,

Amors grausame Zeugerin,
Sanft zu lenken im Joch ihn, der erhartet schon
Nah sein fünftes Jahrzehent fühlt.
Geh, wo Jünglinge dich flehen mit Schmeichelruf.

Weit wohlzeitiger schwebest du
Festlich, von dem Gespann purpurner Schwäne erhöht,
Dort in Maximus Paulus Haus,
Wenn ein wackres Herz du zu entflammen suchst.

Er, ein edeler Sproß und hold
Und nicht stumm in dem Schutz banger Gerichteter
Und unzähliger Künste reich,
Wird im Dienst dir weit tragen das Siegespanier.

Und sobald er dem schenkenden
Nebenbuhler zum Hohn glücklicher lachen wird,
Stellt er hart am Albanersee
Dich aus Marmor empor, unter dem Zedernbau.

Froh dort atmest du reichlichen
Weihrauch; und der Gitarr' und berecyntischen
Opfertibien zugesellt,
Labt dich süßer Gesang, unter Syringenton.

Dort erheben sich jeden Tag,
Dich, o Göttin, vereint Mädchen und Jünglinge,
Die mit schimmerndem Fuß den Grund,
Nach der Salier Art, stampfen im Dreiertakt.

Frauen, Knaben - nichts lockt mich mehr,
Liebe erwidert zu sehn, hoff ich nicht mehr so leicht.
Wozu Wetttrinken? Wozu noch
Frische Kränze im Haar? So hält man Zeit nicht an.

Doch was, ach! Ligurinus, was
Rinnt mir heimlich die Trän' über die Wang' herab?
Was doch hemmt die Beredsamkeit,
Daß unrühmlich in Wort lallend die Zunge stockt?

Oft im nächtlichen Traumgesicht
Halt ich dich schon umarmt; folge dem Fliehenden
Durch die Halme des Rasenfelds,
Durch bewegliche Flut folg ich dem Harten, dir!

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