Autor:
Stefan George (12. 7. 1868, Büdesheim bei Bingen - 4. 12. 1933, Minusio bei Locarno)

Werk:
Gedicht über den Tod seines Freundes Maximin

Quelle:
Joachim Campe: "Andere Lieben, Homosexualität in der deutschen Literatur", Frankfurt/ M. 1988



Nachdem der zweisprachig (deutsch und französisch) aufgewachsene George 1888 das Gymnasium abgeschlossen hatte, reiste er in den folgenden zwei Jahren nach London, Italien und Paris, wo er seinem Vorbild, dem Symbolisten Stéphane Mallarmé, begegnete. 1889 war er zwar an der Berliner Universität immatrikuliert, Vorlesungen hatte er jedoch kaum besucht. Seit dieser Zeit wohnte er abwechselnd als Gast seiner Freunde und Bewunderer in Berlin, München, Heidelberg und Basel. Seine Bücher wurden nur als Privatdrucke veröffentlicht, außerdem vermied er Auftritte in der Öffentlichkeit, da er alles Massenhafte zutiefst verachtete. Georges Ideal in erotischer Hinsicht war das Platonische Modell des pädagogischen Eros, dem er sich als "Prophet des Schönen" widmete.

Im Jahr 1902 erblickte er in einer Münchner Straße den vierzehnjährigen Max Kronberger, seine große Liebe. Er bat den Knaben, dessen "interessanten" Kopf zeichnen zu dürfen und der junge Gymnasiast fühlte sich durchaus geschmeichelt. Doch erst ein Jahr später sollten sie sich zufällig wieder über den Weg laufen. Kronberger hatte inzwischen einiges über George erfahrenen und die beiden sahen sich von nun an öfter. Doch die Liebesbeziehung fand ihr jähes Ende, als der Junge plötzlich erkrankte und nur einen Tag nach seinem sechzehnten Geburtstag starb. Was folgte war eine poetische Vergötterung, die an die Trauer Kaiser Hadrians um den toten Antinous erinnert.





Ihr hattet augen trüb durch ferne träume
Und sorgtet nicht mehr um das heilige lehn.
Ihr fühltet endes-hauch durch alle räume -
Nun hebt das haupt! denn euch ist heil geschehn.

In eurem schleppenden und kalten jahre
Brach nun ein frühling neuer wunder aus
Mit blumiger hand mit schimmer um die haare
Erschien ein gott und trat zu euch ins haus.

Vereint euch froh da ihr nicht mehr beklommen
Vor lang verwichner pracht erröten müsst:
Auch ihr habt eines gottes ruf vernommen
Und eines gottes mund hat euch geküsst.

Nun klagt nicht mehr - denn auch ihr wart erkoren -
Dass eure tage unerfüllt entschwebt. . .
Preist eure stadt die einen gott geboren!
Preist eure zeit in der ein gott gelebt!


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