Autor:
Jakob Israel de Haan (1881, Smilde - 1924, Jerusalem)
Werke:
"Verse", "Kol Nidre", Ein Tänzer", "Vor Nacht", "Strandjungen", "Angst",
"Ein Junge in der Sonne", "Angst", "Der Tod", "An einem jungen Fischer"
Übersetzung:
Marita Keilson-Lauritz und Rein A. Zondergold, Frankfurt/M. 1994
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Der Niederländer Jakob Israel de Haan traf 1919 in Jerusalem
ein. Es sollte eine Rückkehr in die Heimat des wiedergefundenen
Glaubens werden. Seine sexuellen Gewohnheiten verleugnete er
freilich auch hier nicht: Seine Vierzeiler, die er in niederländischen
Zeitschriften veröffentlichte, bezeugen es. Intrigen und Streitigkeiten
kamen hinzu - 1924 wurde er schließlich von einem militanten
Zionisten ermordet (Arnold Zweig hat seine Geschichte in dem
Roman "De Vriendt kehrt heim" erzählt).
Verse
Die nach mir kommen, lesen meine Verse.
Und zittern werden sie, wenn sie verstehen,
Mit welchen Martern und mit welchen Schmerzen
wir singend durchs Leben gehen.
Kol Nidre
Von frömmsten Gebeten kehre ich wieder.
Da hör ich Machmuds Stimme, tief und sacht.
Das Blut bebt schamlos durch meine Glieder.
Mehr denn je fürcht ich die Große Nacht.
Ein Tänzer
In seinen dunklen Augen dämmert es wie Samt.
Es steigt ein Lachen auf zu seinem Munde.
Welche Erinnerung hat sein Herz entflammt,
Bis er den Takt zu solchem Traum gefunden?
Nacht
Mit Adil hab ich die Pferde geritten.
Mit Said geteilt den verbotenen Wein.
Mit Machmud... mit Nazif... meine Glieder zittern
In Unruh und folternder Pein.
Strandjungen
Nur ihre Nacktheit im Wasser.
Nur ihre Kleider am Strande.
Aber froh und frei ihr Gelächter,
Wo die See ihre Wogen brandet.
Angst
Heute sang er. Bis in meine nächtgen Stunden
Verfolgt mein Herz die Schönheit seines Sanges.
Warum, so frag ich, hab ich ihn gefunden?
Trag ich nicht schon genug Verlangen?
Ein Junge in der Sonne
Das Silber spinnt in dunklen Haaren
Einen Traum, seiden und sacht.
Durch meine Seele kommt wild gefahren
Der Strom der Wonnen bei Nacht.
Angst
Wär ich die Sonne, könnt ich glücklich sein.
Mit seinem Mund, mit seinen Augen, seinen Haaren
Nun bleib ich fern, in dumpfer Pein,
Zitternd vor Gefahren.
Der Tod
Und sieh, er tritt so sanft (ich habe
Ihn so gehaßt) in meinen Schlummer.
Über mein Lager beugt sich ein stummer
Lächelnder Knabe.
An einen jungen Fischer
Rosen sind so schön nicht wie deine Wangen,
Tulpen nicht wie dein nackter Fuß,
In keinem Auge las ich je so dunklen Gruß,
und nie nach Freundschaft ein so maßloses Verlangen.
Hinter uns in weiter Ewigkeit das Meer,
Der graue Himmel über uns erblaßte schon,
Am leeren Strand wir zwei: Wir irrten hin und her.
Da war nichts andres als des Meeres Ton.
Der letzte Tag zusammen. Ich ging in die Stadt,
Du fährst und fischst zufrieden, ich schweif umher,
Und finde Ruhe nicht in Stadt noch stiller Ländlichkeit.
So müde bin ich, von so vieler Liebe satt,
Verzeih mir viel, frag nicht nach meinen Kämpfen mehr,
Und bete auch: "Vor meinem Schönen sei gefeit."
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