Autor:
Josef Czechowicz (1903, Lublin - 1939, Lublin)
Werke:
"HiIdur, BaIdur und die Zeit" (Hildur, Baldur i czas)
Übersetzung:
Heinz Czechowski, Frankfurt/M. 1994
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Czechowicz lebte in den 30er Jahren als Redakteur im Verlag des
Lehrerverbandes in Warschau. Und zwar zusammen mit einem
attraktiven Jungen: Stefanek. Ihre Geschichte erzählt er, Gegenwart
und Mythos überblendend, in dem 1936 erschienenen Gedicht "Hildur,
Baldur und die Zeit" (Hildur, Baldur i czas). Der Name, unter dem
er sich präsentiert, weist wohl auf seine Wunschrolle: Baldur war
nach altisländischer Mythologie Gott des Lebens; Hildur, der Name
für Stefanek, hat dagegen etwas mit Kampf zu tun. Stefaneks großer
Traum war freilich die Fliegerei und so beschreibt Czechowicz ihn
auch als Ebenbild des Ikarus aus der griechischen Mythologie, der
mit den vom Vater Dädalus gefertigten Flügeln aufstieg und - abstürzte.
Unglück traf freilich Czechowicz selber: Der Lehrerverband entließ
ihr wegen des allzu eindeutigen Gedichts. 1939 kam er bei einem
deutschen Luftangriff auf Lublin ums Leben.
Hildur, Baldur und die Zeit
1. Vorspann
Im Raume der Erinnerung - das eine andere
Gesicht;
so parallel wie Floßbalken und Ackerfurchen
im Frühlingslicht.
Unter den Lidern einer warmen Muschel, laß
ich die verblichenen Jahre aufsteigen, das
vermag ich, der ich ans Verlöschen glaube, verführt
von einer Welt, Geliebter, die triumphiert.
2. Kennenlernen
Baldur schloß die dunklen Augen;
ihn schmerzt,
die ganze Nacht vom Blatt der Lichtschein scheucht,
die Druckmaschine quälte der Hexameter,
sie keucht.
Mit Schneegestöber endet das Jahr.
Es fegte Silber in die Ecken,
geheimnisvoll und wunderbar
wie weißer Saffian.
Spät schon lief Hildur in den Flur hinein,
er, der wie eine Motte schwirrt ums Licht,
stand einfach so da: das linke Bein
leicht angewinkelt; alle Burschen stehen so da,
wenn sie nicht Grund zum Träumen haben. Sieh,
Baldur, sieh: das Papier
flattert wie eine Fahne; im Gnadenschein
beginnt das endlose Fest.
3. Erstes Jahr
Der blonde Knabe duftet süß,
den Kittel salopp über den breiten Schultern, um die Lenden geengt,
jagt er voll Leidenschaft nach dem einen und anderen Zauber.
Die Dunkelheit der schweren Nächte wurde rot wie das Haar.
Aus Dornen brachen Blüten. Beide,
der Menschen nicht mehr achtend,
sahen des Zepters Schatten:
das Glück.
Januar, Februar - der Mythen Monate.
Der Körper fühlt den Druck der Hände.
Glatteis. Ein Körper. Hier stürzte Ikarus vom Himmel.
Der Traum vom Weihnachtsbaum, funkelnd vor Glück.
im März der Wein der Tage lallend wankt.
Hildur tanzte im Rhythmus der Zigeunertrommel,
und sich begleitend summte er
das Lied vom Glück
ganz unwillkürlich.
Der ganze Frühling - Blütenorgien:
Maiglöckchen, Flieder, Rosen und Narzissen
ziehen im Reigen duftend zu ihm hin,
der sie betörte
mit dem Glück.
Juni, Juli, August die Sonnensaiten schlagen.
Des Flusses Strömung vor den Nackten sich ergießt.
Der Sonnenwende Boote, hitzige Musik, Herumtollen und Jagen,
der feuchte Reiz der Weiden,
die späte Nacht, ich weiß, bringt an das schwarze Ufer
das Glück.
September, schönes Wetter, stehendes Gewässer,
Wasser des goldnen Teichs
von Hildurs Haar; es schimmerte der Helm
und in der Stadt
wanderte über Säulen, über Architrave
der frohe Blick und das Geflüster
des Glücks.
Herbst, seltsame Jahreszeit, und kein kobaltblaues Gestirn.
Des Regens Plätschern macht die Gärten trist,
Die schwarz von Nässe sind und abgestorbne Äste haben.
Und der Gedanken Kreis wird nun zum Ring der ersten Schatten
des Glücks,
des Glücks des Knaben.
Winter. Überm Gelächter hängen sie die Lampen auf.
Wer achtet schon des Haufens der zerbrochnen Stunden?
Hildur und Baldur geben Auskunft unumwunden:
Das Glück war immer leicht und flüchtig,
wie blondes Haar.
4. Die anderen Jahre
1932
Es schwankten nachts die Balladen, die vom Blaudunst des Morgens bedeckten.
Heller ward's, immer heller hinter Schleiern und Tüchern des Betts.
Die Feinde sogar entfachten Ambra und Bernstein den Siegern,
Weil Brust, Lenden, goldenes Haar die Antike zu neuem Leben erweckten.
1933
Solche Ereignisse, brodelnd vor Lust, gibt es nicht mehr.
Vom Silber des Morgens bis zum Silber des Abends
ist alles Butter wie Hopfen: Mond, Fahrten und Grün,
Schneegestöber, Sterne und Grün - der Zug der Gedichte
rühmt der Liebesglut Fülle.
1934
Hildur wird Mann, tanzt Winter, Herbst, Frühling hindurch.
Und leider bildet sich an seinen breiter werdenden Schultern eine härtre Kontur.
Ein Greis dengelt klirrend die Sense, daran erinnernd, daß alles wächst.
Neigen sich Lippen und Blätter schon den dunklen Wassern des Acherons zu?
5. Alles vergeht.
Die Flügel schlagen blindlings in den Himmel.
Ja. lkarus verläßt jetzt Dädalus. Und scharlachrot
schlägt die Welle der Blitze des Greises
in den Fokal.
Steil bäumt sich die Erde,
ihre Prunkkulisse verging.
Schon führt eine breite Treppe zu den Wolken empor.
Lautlos fallen die Vögel hinab auf den Marmor.
Das Glück wird geschwächt,
die Vögel siechen dahin.
Und beiden gleich sinkt der Greis Jahr um Jahr tiefer
wie blaues Eis.
Der Hahn hat gekräht,
die Sense geklirrt.
Baldur, höher hinauf! Du spürst, es gibt keine Rückkehr.
O ja, er geht, verwirft die Sense und greift nach dem singenden Bogen.
Er will nicht den Tod. Er streift ihn nur mit der Spitze des Speers,
damit wir gemeinsam nicht kämen zum Fluß.
Füße aus weißem Gestein, Kraft, die zu früh kam, verlisch!
Denn in der brennenden Sonne setzen sie Hildur dem Schuß
des gefährlichen Feinds aus,
sein Name: Haß auf den Körper der Jugend...
Schon kniet er, es funkelt der assyrische Bart.
Schon spannt er die Sehne.
Es pfeift.
So eilig.
Und Hildur stürzt, er rollt in den blaugrauen Abgrund,
tief unter m Herzen getroffen,
des Weizenhaars Licht folgt ihm wie eine Schwester.
6. Epilog
Baldur öffnet die Augen im Morgenlichtschimmer.
Unter seiner Faust leuchtet das weiße Blatt schon seit fünf Jahren,
Ganz gleich, wie auch immer,
als die schwarzen Maschinen verstummten.
Zu früh hieß man dich den Bekränzten,
mein Leuchtender.
Du gingst in den Mythos. Du mußt nichts bedauern.
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