Autor:
Luis Cernuda (1904, Sevilla - 1963, Mexico City)

Werke:
"Die Matrosen sind der Liebe Schwingen", "Er sprach kein Wort", "Ich liebe dich"

Übersetzung:
E. Ahrendt, Leipzig 1978

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994




Cernuda war ein distanzierter intellektueller, der sich am wohlsten hinter dem Schreibtisch und im Hörsaal fühlte. Distanziert blieben lange Zeit auch seine homosexuellen Erlebnisse: "Das Wirkliche und das Verlangen" (Reliadad y deseo), wie der Titel seines lyrischen Lebenswerkes lautet, kommen nicht zur Deckung. Ängstlich war er freilich nicht: 1931 veröffentlichte er u. a. die hier wiedergegebenen Gedichte: Sie machten ihn zu dem bekanntesten homosexuellen Poeten des Landes. 1938 emigrierte er nach England.



Die Matrosen sind der Liebe Schwingen

Die Matrosen sind der Liebe Schwingen,
Sind der Liebe Spiegel,
Das Meer ihr Begleiter,
Und ihre Augen sind licht, genau wie die Liebe
Licht ist, so wie ihre Augen es sind.

Die wilde Freude, die sie in die Adern verströmen,
Ist ebenfalls licht,
Wie die Haut, die sie zeigen;
Laßt sie nicht fortfahren, denn sie lächeln,
Wie die Freiheit lächelt,
Augenblendendes Licht hoch über dem Meer.

Da ein Matrose Meer bedeutet,
Lichtes verliebtes Meer, des Gegenwart Lobgesang,
Mag ich nicht die Stadt, die aus grauen Träumen gemacht;
Ich will nur ans Meer gehn, darin mich ertränken,
Nachen ohne Leitstern,
Leib ohne Leitstern, um unterzugehen in seinem lichten Hell.




Er sprach kein Wort

Er sprach kein Wort,
Näherte nur einen fragenden Leib,
Denn er wußte nicht, daß Begehren eine Frage ist,
Auf die es keine Antwort gibt,
Ein Blatt, dessen Zweig es nicht gibt,
Eine Welt, deren Himmel es nicht gibt.

Die Angst bahnt sich zwischen den Knochen einen Weg,
Steigt durch die Adern auf,
Bis auf der Haut sie sich öffnet,
Fontänen aus Traum,
Fleischgewordene, den Wolken zugewandte Frage.

Ein leichtes Streifen beim Vorbeigehn,
Ein Süchtiger Blick inmitten der Schatten
Genügen, und es halbiert sich der Leib,
Begierig, in sich einen anderen Leib
Aufzunehmen, der da träumt,
Hälfte und Hälfte, Traum und Traum, Fleisch und Fleisch,
Gleich an Gestalt, gleich an Liebe, gleich an Ersehnen.

Obwohl es auch nur eine Hoffnung ist,
Denn das Begehren ist eine Frage, auf die keiner eine Antwort weiß.




Ich liebe dich

Ich liebe dich.

Ich habe es dir gesagt mit dem Wind,
Spielend im Sand wie ein kleines Tier
Oder wütend wie stürmischer Orgelton;

Ich habe es dir gesagt mit der Sonne,
Die Leiber goldet, jung und nackt,
Und lächelt in allen unschuldigen Dingen;

Ich habe es dir gesagt mit den Wolken,
Schwermütige Stirnen, die den Himmel tragen,
Flüchtige Traurigkeiten;

Ich habe es dir gesagt mit den Pflanzen,
Geschöpfe, durchsichtig, zart,
Die plötzlich sich mit Schamröte überziehn;

Ich habe es dir gesagt mit dem Wasser,
Leuchtendes Leben, das über einen Schattengrund wacht;
Ich habe es dir gesagt mit der Angst,
Ich habe es dir gesagt mit der Freude,
Mit Überdruß, mit schrecklichen Worten.

Doch damit ist's mir nicht genug:
Jenseits des Lebens
Will ich's dir sagen mit dem Tod;
Jenseits der Liebe
Will ich's dir sagen mit dem Vergessen.



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