Autor:
unbekannter Autor des 13. Jahrh.
Werk:
"Carmina Burana - Iam Mutatur Animus" (Sinneswandel)
Übersetzung:
Rüdiger Campe, Frankfurt/M. 1994
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
"Carmina Burana", zu deutsch "Benediktbeurener Lieder", ist der
Name einer Gedichtsammlung, die während des 13. Jahrhunderts
in dem oberbayrischen Kloster Benediktbeuren zusammengestellt
wurde. Es handelt sich dabei um rund 250 mittellateinische, 55
deutsche und deutsch-lateinische Verse. Die Autoren sind meist
unbekannt: Umherziehende Studenten und Gelehrte, die so gekonnt
wie respektlos reimten. Eine Ohrfeige für die Kirche ist denn auch
die Pointe des "Sinneswandels": Wahre Hoffnung gebe nicht das
öde Klosterleben, sondern die Gesellschaft eines hübschen Jungen.
Sinneswandel
A.
Steh mir bei, mein lieber Gott,
nahe ist mir schon der Tod.
Mach mich diesmal noch gesund,
und ich werd ein Mönch zur Stund.
B.
Hilf mir, Vater, eile dich,
denn es will schon über mich.
Gönn mir noch ein bißchen Ruhe,
Gib, daß ich das Rechte tue.
B.
Sag, was hast du vor, mein Herz?
Kümmert dich denn nicht mein Schmerz?
Ändere noch deinen Sinn,
weil ich sonst verlassen bin.
A.
Deine Liebe, deine Treue
rühren heute mich aufs Neue:
Eine Waise wirst du sein,
zieh ich erst ins Kloster ein.
B.
Führ den Vorsatz nicht gleich aus,
bleib drei Tage noch zu Haus!
Ist es denn vielleicht nicht wahr:
Du entkommst noch der Gefahr?
A.
Nein, ich fühl sie überall:
diese Angst und diese Qual.
Sicher seh ich morgen nicht
mehr das helle Sonnenlicht.
B.
Hast du denn schon nachgedacht,
was der Mönch im Kloster macht:
Täglich fasten, und die Nacht
hält er dann noch eine Wacht?
A.
Wer für Gott wacht, hat zum Lohne
schon ganz sicher eine Krone.
Fastet er für Gott den Herrn,
bleibt die Heiligkeit nicht fern.
B.
Bohnen, Schoten, Hülsenfrüchte
sind im Kloster die Gerichte,
und für solche großen Prasser
gibt es nachher klares Wasser.
A.
Und was sollen gutes Essen,
Weinpokale, voll bemessen?
Wird doch einst mein Erdenleib
Würmern Kost und Zeitvertreib!
B.
Hör denn, was die EItern sagen,
höre wenigstens ihr Klagen:
Ist ihr Sohn ein Mönch geworden,
ist er lebend wie gestorben.
A.
Wer nur seine Eltern liebt
und für Gott nicht alles gibt,
hört dereinst am Jüngsten Tage
Christi strenge Richterklage.
B.
O subtile Klugheitslehre!
Wenn sie nie erfunden wäre!
Denn sie bringt mit scharfem Schluß
Brüdern Elend und Verdruß.
Denk: du siehst den Freund nie mehr,
liebst du ihn auch noch so sehr,
deinen süßen Bruder, deinen
wunderschönen lieben Kleinen.
A
Weh, mir Armem! Gott, ach Gott!
Ach, was mach ich in der Not?
Ganz und gar bin ich verlassen,
ratlos über alle Maßen.
Bruder, bitt dich, laß die Trauer:
auch das Unglück weicht auf Dauer.
Anders seh ich es schon jetzt:
Mönch, das werde ich ganz zuletzt!
____________________________________