Autor:
Francesco Berni (1497, Pistoia - 1535, Florenz)
Werk:
"Knabenburleske"
Übersetzung:
Joachim Campe, Frankfurt/M. 1994
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Francesco Berni war Sekretär mehrerer Kirchenfürsten. Berühmt machten
ihn seine "Rime burleschi", in denen er die Dinge des Alltags zu literarischem
Recht kommen ließ: den Aal, die Suppe, den Sex - auch den mit Jungen.
Und so gibt er im "Capitolo d'un ragazzo" (Knabenburleske) ironisch
seinen Grund für eine Renaissance: eine Wiederbelebung der Vergnügungen
in der Antike.
Knabenburleske
Maecenas schenkte dem Vergil 'nen Jungen,
damit er nicht in Depression verfiel
und einsam lebte wie ein Mönch im Kloster.
Das tat Maecen aus Mitleid mit dem Dichter.
Er wollte nicht, daß diese arme Seele
sich grundlos der Verzweiflung überließe.
Das heißt doch wohl: als echter Römer handeln,
so ganz wie Scipio der Ältere,
als er in Spanien das Kommando führte.
Ich bin kein Dichter, bin nicht mal ein Doktor,
doch wenn man mir so einen Jungen schenkte -
ich glaub', ich gäbe dafür meine Seele.
Regt euch nicht auf! Es gibt nichts Besseres
als solch ein Jüngelchen den Katechismus
zu lehren und ihn . gründlich geistlich führen.
Und wenn er nun kein bißchen Hirn besäße?
Dann macht' ich ein Bordell auf ihm zu zeigen
was ich denn sonst noch alles kann und weiß.
Und auch wenn ich am Ende sehen müßte:
ich bin von Gott, vom Glauben abgefallen -
zu jeder Schandtat wär' ich weiterhin bereit.
O Gott! wenn ich So einen Jungen hätte,
ich stürbe wie ein Narr und Unglücksmensch,
wenn ich mit ihm nicht alles machen würde.
Doch habe ich mit einem Fall zu tun,
genauer: Fällen, die ganz anders sind:
hartnäckig sind sie, treiben zur Verzweiflung.
Ach Gott! was sind wir heute elend dran,
die wir in diesen harten Zeit geboren.
Wo gibt es heute jemand wie Maecenas?
Gewiß. Auch unsre Zeit hat reiche Leute,
die einen gern mit großen Summen sponsern -
doch mehr will dann auch niemand für uns tun.
Was habe ich in dieser Zeit zu suchen?
Muß einer so wie ich nicht ganz verzweifeln,
wenn's niemand mehr wie den Maecenas gibt?
Verflucht mein Unglück! daß ich nicht geboren
in jener wunderbaren goldnen Zeit,
als es noch keinen harten Mangel gab!
Dabei, zum Teufel, könnten unsre Gönner
uns biedre Kerle leicht zufriedenstellen.
Wär' das nicht einmal eine schöne Geste?
Doch weiß ich gut, warum sie das nicht tun.
Denn wenn sie einen frischen Jungen finden,
dann halten sie ihn fest, sie wollen selber
Ihm unter seine heiße Gürtellinie.
So geht's - wer keinen hat, hat Pech gehabt!
Da hilft kein Heiliger Sebastian!
Jesus, hol du mich raus aus der Bedrängnis!
Belehre du mich, wie ich ihnen gründlich
die Freude und das Fest verderben kann!
Und wenn ich darben muß, dann sorg' dafür,
daß andre mit mir leiden müssen, denn:
alleine will ich nicht zugrunde gehn.
O Cupido, Verräter, blinder Bastard,
du bist an allem schuld! Nun laß mich schnell
vergehn vor Liebe - sonst verrat' ich Gott.
Denn was nützt alles Klagen dieser Welt?
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