Autor:
Wystan Hugh Auden (21. 2. 1907, York - 29. 9. 1973, Wien)
Werke:
"Seither", "Lebensgemeinschaft"
Übersetzung:
Joachim Campe, Frankfurt/M. 1994
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Der englische Dichter studierte in Oxford und hielt sich wiederholt
in Deutschland auf. 1935 heiratete Auden Erika Mann, die Tochter
Thomas Manns. Nachdem er auf republikanischer Seite am Spanischen
Bürgerkrieg teilnahm ging er 1939 in die USA. Sein 1969 veröffentlichtes
Gedicht "Seither" (Since) war eine Erinnerung an die erste Reise, die
er zusammen mit seinem Freund Chester Kallman gemacht hatte.
"Lebensgemeinschaft" (The common life) schildert das kleine Landhaus
in Kirchstetten bei Wien, das Auden 1958 gekauft hatte - und dem die
beiden im Sommer meist lebten; im Winter flog Auden in die USA, um
mit Vorträgen Geld zu verdienen, Kallman verbrachte seine Zeit in Athen
mit schönen Jünglingen.
Seither
Eines Tages, mitten im Dezember,
als ich gerade Würstchen briet
für mich allein, fühlte ich
unvermittelt unter Fingern,
die dreißig Jahre jünger waren, die Rundung
eines Lenkrads,
auf meiner Wange den dörrende Wind
eines Augustnachmittags,
als Beifahrer neben mir
dich, wie du damals warst.
Stracks durch eine Schwemmlandebene
voller Gemüsefelder
rasten wir dahin in Wolken weißen Staubs,
und Gänse flogen kreischend auf,
als wir sie um ein paar Zoll verfehlten,
in schnurgerader Linie ging es
auf Berge zu, die ganz allmählich
gen Osten sich verbreiterten,
in froher Sicherheit, die Dämmerung
brächte Freude.
So geschah es. In einer gekachelten Küche
trug man uns gebratene Forelle
und einen scharfen Käse auf: eine Weile
redeten wir am Feuer,
dann stiegen wir mit Kerzen in den Händen
eine steile Treppe hinauf Sogleich
machten wir Liebe: so halkyonisch befriedet,
schliefen wir bald ein
beim Rauschen eines Flusses,
der durch eine Klamm schwappte.
Seither sind andere Verzauberungen
hell aufgelodert und verglüht,
Feinde wechselten die Anschrift,
und der Krieg entstellte
eine unfaßbar große Anzahl
unbekannter Nachbarn,
sich selbst so kostbar wie wir uns:
doch um dein Bild
liegt kein Nebel, und die Erde
kann noch verblüffen.
Worüber sollte ich mich jetzt beklagen,
da ich vor mich hin werkele
in einer gepflegten Vorstadtküche?
Einsamkeit? Unsinn!
Ich habe genügend Gesellschaft an wirklichen
Gesichtern und Landschaften,
um deren freundlicher Miene willen
ich zumindest lernen kann,
mit Fettleibigkeit zu leben
und mit ein bißchen Ruhm.
Lebensgemeinschaft
(Für Chester Kallman)
Das Wohnzimmer, der katholische Raum, den du und ich
betreten können, ohne zu klopfen,
und den wir wieder verlassen ohne Verbeugung, er zeigt
jedem Besucher unsern Stil,
ein weltliches Credo: und man vergleicht dessen Dogmen
mit eignen, entscheidet, ob man mit uns
näher zu tun haben will. (Peinlich saubere Zimmer,
wo niemand etwas herumliegen läßt,
machen mich frösteln, wie wenn man Tassen als Aschenbecher
benutzt und mit Lippenstift beschmiert.
Warm werd' ich mit Häusern, die den Eindruck machen:
obwohl man nicht reich ist, wird jede Rechnung
pünktlich bezahlt mit Schecks, die nicht platzen.) Freilich entsteht
ein Wir nicht im Nu, und erst sind da immer
Du und Ich, die getrennten, protestantischen Zonen:
deshalb wird auch ein Raum zu klein,
wenn die Bewohner nicht auf Wunsch mehr vergessen können,
daß sie nicht allein sind, und er wird zu groß,
wenn er als Vorwand dienen könnte, bei einem Streit
im Tone lauter zu werden. Und was,
wenn er uns ausforschte, würd' Sherlock Holmes entdecken? Sicher
die Sitzkultur einer Generation,
die (vielleicht gezwungenermaßen) mehr den Komfort
als das Kommando schätzt, und die
ihre Hintern lieber auf wohlgepolsterte Sesel
drückt als auf die kräftigen Rücken
von Sklaven. Ein rascher Blick auf die Titel unserer Bücher
würde ihm überdies sagen, daß wir
zur "Intelligentsia" gehören und sehr viel Geld
fürs Essen ausgeben. Doch könnte er lesen,
worum wir beten, worüber wir lachen und welche Wesen
uns die größte Angst einjagen?
Oder wie die heißen, mit denen wir nie und nimmer
ins Bett gehn würden? Was zwei Leben
am ehesten zusammenhält, ist offensichtlich:
Einsamkeit, Lust und Ehrgeiz oder auch
bloß Gewohnheit. Klar genug ist auch, warum man
einander fallenläßt oder mordet.
Aber noch keiner hat erklärt, wie man gleichwohl
als Zwischenraum eine gemeinsame Welt schafft,
vergleichbar den imaginären und doch verwendbaren Zahlen
Bombellis. Denn immerhin, man versteht es,
Unarten zu verzeihen, und wie durch irgendein Wunder
erträgt man Tics beim Reden, sogar
verstellte Manieren - und zuckt dabei nicht mit der Wimper.
(Müßtest du sterben, ich würde deine
vermissen.) Ein Wunder, daß der Zufall keinen von uns
schlachtete, und keiner auch,
wie sonst so viele, ohne Worte verschwunden ist
im Lärm historischer Verbrechen,
unbetrauert, sondern daß wir hier jetzt sitzen,
in Österreich, nach vierundzwanzig
Jahren, wie zwei Milchbrüder, unterm glasigen Blick
eines Bambino aus Neapel,
immer die Hochachtung selbst vor Strauß und Strawinsky, und dabei
englische Kreuzworträtsel lösen:
das ist wirklich sehr seltsam. Schön, daß der Erbauer
im Wohnzimmer kleine Fenster gemacht hat.
So kann uns niemals hineinsehn einer, der außen steht:
ein Haus muß eine Festung sein,
ausgerüstet mit allermodernster Technik,
die Natur in Schach zu halten,
erfahren in alter Magie, der Kunst, den schwarzen Mann
und seine hungrigen Geister zu bannen,
die Seelenverschlinger. (Eine Maschine kaufen, das kann
jeder Barbar, die heiligen Sprüche
sind das Geheimnis der Freundlichen - wollen wir nämlich Macht,
dann wirken sie nicht.) Joyce hat uns gewarnt:
Der Oger kommt bestimmt. Und doch, trotz alledem:
ob wir fasten oder feiern,
wir wissen beide doch: ohne den Geist sind wir tot,
doch Leben ohne Schrift, das ist
unter aller Kritik. Denn niemals können sie wirklich
Verschiedenes sagen, Wahrheit und Liebe,
und wenn es dennoch einmal so scheinen sollte, dann kommt
eben die Wahrheit an zweiter Stelle.
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