Analyse der Sendung vom 3. Februar 2001

Franks aufmunternde Worte zum Anfang ("Männer seid tapfer!") könnte er ja eigentlich vor jeder seiner Shows bringen, aber diesmal hielt er sie wohl für besonders angebracht, was die erfahrenen jetaime-Fans in aller Welt veranlasst haben dürfte, sich innerlich auf das Schlimmste gefasst zu machen. Und sie taten gut daran.
Auf der schier unendlichen Odyssee durch die Tante-Emma-Läden und Schnellrestaurants Ostdeutschlands war das MDR-Team diesmal in der Boutique einer australischstämmigen Sorbonne-Absolventin ähnlich deplaziert, wie eben jene teilweise leicht überfordert wirkende Nachwuchs-Modedesignerin, die ihren -offenbar als Legitimation ihres Genies eingeübten- Akzent bewundernswert konsequent bis zum Ende durchhielt, in der sächsischen Provinz. Natürlich ist es auch nicht einfach für einen unbescholtenen Ladenbesitzer, wenn eines Samstagmorgens plötzlich unverhofft ein lärmendes Kamerateam mit einer Handvoll schwervermittelbarer Heiratswilliger im Schlepptau in die Bude einfällt und anfängt, alle möglichen Schmuddelecken abzufilmen und in Person Frank Liehrs, scheinbar wahllos aus dem Karteikasten gezogene, Interview-Fragen zu stellen. Teilweise gewinnt man den Eindruck, selbst die Fragen in Günter Jauchs Quizshow haben mehr Zusammenhang untereinander, als die, mit denen Liehr seinen Gesprächspartnern die Zeit raubt. Und kommt es dann vor, dass er doch mal auf sein Gegenüber eingeht, so bereichert er die Unterhaltung meist mit bahnbrechenden Erkenntnissen wie "Ich sehe, da gibt es ja für jedes Kleid einen Stoff." Hab Dank Frank.
Auch im, an die Sendung anschließenden, Chat, der diesmal zwar nicht so überfüllt, wie letzten Samstag, aber doch erfüllt von umso fruchtbareren Diskussionen war, ließ sich die unausgesprochene Befürchtung, man würde, wollte man als Zuschauer tatsächlich stets und immer die berechtigte Frage nach dem Sinn stellen, früher oder später unweigerlich bekloppt werden, förmlich mit Händen greifen. Mehr und mehr - und ich hoffe, dass ich damit die Meinung der gestrigen Runde wiedergebe - wird die Takt & Stil-Beratung zur einzigen Oase der Vernunft, in der es sich noch lohnt, auch mit beiden Ohren hin zu hören, in der noch grundsolide und aufopferungsvoll an einem bessern Menschenbild gearbeitet wird, in der detailliert bis zum Abwinken den MDR-Zuschauern ihre Ungehobeltheit ausgetrieben werden soll. So war diesmal zu lernen, wie frau sich durch ein unauffälliges Richten der Frisur der ungewünschten Berührung durch den Rendesvouzpartner entziehen kann. Es wurde (im Chat) die Befürchtung geäußert, dass, sollte Frau Müller, wie anzunehmen, nächstens noch ein paar Kniffe für glatzköpfige Kandidatinnen nachreichen, sie wohl in diesem Leben nicht mehr zum allseits erwarteten Thema "das erste Mal und wie man es nicht machen sollte" kommen könnte. Doch bis dahin ist es ja zumindest für die Kandidaten noch lange hin. Sehen wir uns zunächst mal ihre Annoncen an:

Kandidatin 1

  "Ein Sprichwort sagt: man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern" Was für ein Einstieg! Aus Millionen von Sprichwörtern das richtige ausgewählt - Bravo. Sie hätte ja auch sagen können "Wie man sich bettet, so schallt es heraus" oder "Was Du nicht willst, dass ich Dir tu, das füg ich einem andern zu". Aber nein, Karin hat einfach ein untrügliches Sprachgefühl. "Ich bin ein positiv denkender Mensch, humorvoll und oftmals ungeduldig und habe einen 16jährigen Sohn." Diese simple Aufzählung sagt soviel mehr aus, als der schiere Wortlaut zunächst vorgeben mag. Auch die Beschreibung ihres Idealpartners hat sie sich genau überlegt: "Er sollte nicht: älter als 55 Jahre sein, ein angenehmes Äußeres haben und er sollte ...(blahblahblah)" Na, so einer müsste sich doch finden lassen.
 

Kandidat 2

  Derjunghe Mannnscht süichei neBarnen, dienischt dürre n, sonern liebe rschlan scheimög. Jenfalls's unrExpemteam zuiem Ergenisch gommn, nachmdieAuf zeischnng mehrmls in tensiv under scht rde. Leider nämlich hält es Kandidat Frank scheinbar nicht für nötig, zum Sprechen die Klappe aufzumachen oder gar die Zunge zu bewegen und erschwert dem lauschenden Fernsehvolk das Verständnis zudem durch eine sehr eigenwillige Betonung mit Pausen an Stellen, wo normale Leute nicht mal eine Stelle haben. "Isch bin gespannt wie eine F... (Pause - was kommt jetzt? Wie ein Regenschirm?) ... Traumvorschtellung in Wirlischkeid ausehn wird." Achso, na dann. Leg Dich wieder hin, Frank.
 

Kandidatin 3

  Christine ließ sich von einer Sternschnuppe ermuntern, nun über "jetaime" den Bardner "für die zweite Hälfte des Lebens" (eine Formulierung die scheinbar zum Ersatz für das verlorengegangen Kultwort "Faible" aufgebaut werden soll, so oft wie wir die in letzter Zeit hören) zu suchen. Interessanterweise beansprucht sie durch die Sternschnuppe gleich 3 Wünsche frei zu haben (wurde da nicht etwas mit einem bekannten Kinderkonfekt verwechselt?), geht aber im Folgenden nicht weiter auf die andern beiden Wünsche ein. Da will uns wohl Eine neugierig machen?!
Schade, hat nicht geklappt.

Kandidat 4

  Der Womanizer der heutigen Sendung darf sicher zu Recht diesmal den Titel "Kandidat der Woche" abstauben. Wer im Zwiegespräch mit Moderator Liehr am Anfang nur ein etwas zu klein geratenes Männeken in einem etwas zu groß geratenen Anzug zu erkennen glaubte, das gerne hochstapelt und aus seiner umfangreichen Worthülsensammlung zitiert, sah sich mit Beginn der Anzeige getäuscht, dahingehend, dass der Gute plötzlich auch noch unmotiviert zu zappeln anfing, wie ein Klebstoffjunkie auf Entzug und dass die schon erwähnten Phrasen noch brutaler gedroschen wurden, als man es bislang von einem Ossi gewohnt war. So behauptet er, an seinem 30. Geburtstag mit Zählen aufgehört zu haben. Allerdings wirkte er eher so, als hätte er am 60sten angefangen rückwärts zu zählen. Es gibt aber auch Meinungen im Fanclub, die lieber seiner Version folgen, da er nicht den Eindruck machte, überhaupt weiter als bis 30 zählen zu können. Die Frage muss wohl offen bleiben. Eine andere Frage, nämlich die, ob es den Anzug nicht auch in seiner Größe gehabt hätte, beantwortete Jürgen in seiner Annonce selbst, man musste nur genau hin hören: er will mit dem Fallschirmspringen anfangen. Na, da ist es doch eine clevere Idee, sich einen zusätzlichen Notfallschirm gewissermaßen gleich anzuziehen! Sicher ist sicher.
Nach dieser Devise versuchte er auch die etwaigen Befindlichkeiten seiner Zuhörerinnen allesamt zu berücksichtigen und gab einen kurzen Querschnitt seines scheinbar wahnsinnig abwechslungsreichen Lebens zum Besten. Er ist der Typ Mann, der bei einem Test sicherheitshalber alle Kästchen ankreuzt, dann werden schon die richtigen dabei sein. Als er allerdings fabulierte, "Live-Konzerte von AC-DC, Deep Purple, Britney Spears,..., Reinhard Mey und Udo Jürgens" zu besuchen hatte er den Bogen wohl doch etwas überspannt und sein unbewusstes heftiges Kopfschütteln (zumindest bei den Erstgenannten) machte allen, die letztes Mal bei der Lektion Körpersprache gut aufgepasst hatten, klar, dass hier einer sich selbst nicht ganz traut.
Freizeit und Reisen gehört zu seinem Leben und das nicht nur einmal im Jahr. Aha, alles andere hätte ja wohl auch bedeutet, dass er nur Freizeit hätte, mithin erwerbslos wäre.
Bei seiner Bardnerin hat Jürgen recht genaue Vorstellungen. "Ob Du Botschafterin... oder... im Gefängnis warst, spielt keine Rolle". Soso, aber Hauptsache kriminell, was?
Zum Schluss äußert er die Überzeugung, er wäre schon ein paar Zeilen wert. Das kann man wohl sagen lieber Jürgen. Oder, um mal mit deinem Lieblingsbuch, dem Computer-Handbuch zu sprechen: "You get what you deserve"

Kandidatin 5

  Ursula bestritt einen Großteil ihrer Redezeit damit, pflichtschuldig ein Kleid aus echtem Imitat zu bewundern und es ansonsten Frank zu überlassen, sich unvorteilhaft ins Bild zu drängeln. Als sie dann doch ihren Text aufsagte, kam die übliche krude Mischung zum Vorschein, die für den geübten Blick ihren Ursprung in den "jetaime"- Satzbausteinen nicht verleugnen kann. "Ich will lieben und weinen, lachen und arbeiten..." Wer will das nicht, liebe Ursi?
"Aber ich merke, dass mir etwas fehlt: die breiten Schultern zum Anlehnen." Tja. Dann solltest Du mal etwas trainieren, nicht wahr?
 
 
 
 
 
 

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